Wie wir wieder in guten Kontakt mit der mehr als menschlichen Welt kommen
In unserer Suche nach einer neuen, respektvollen und fürsorglichen Haltung der versehrten Welt gegenüber wird von mir immer wieder betont, dass die Kontaktaufnahme mithilfe der Stimme besonders vielversprechend sein müsste. Denn die Stimme war in so gut wie allen nicht-modernen Kulturen das bevorzugte Medium, um mit den Instanzen und Wesen der mehr als menschlichen Welt in Verbindung zu treten. Gesang war in erster Linie nicht eine Tätigkeit, die sich an andere Menschen richtete – wenn man von dem wichtigen Singen zu und mit Kindern absieht – sondern man sang zu Kräften, Tierwesen, Geistern und Göttern.
Doch nicht nur singend wurde sich dieser uns umgebenden Welt genähert, auch sprechend suchte man die Verbindung zu knüpfen und zu halten. Diese Art des Sprechens nennt man gemeinhin beten! Man könnte also sagen:
Der Begriff des Betens bezeichnet jede Art der Ansprache, die sich an nicht-menschliche Wesen und Instanzen richtet, mit denen Menschen in Kommunikation treten wollen.
Das ist ein Verständnis von Beten, das über die klassisch christliche Vorstellung hinaus geht, in der Beten sich ausschließlich an Gott und einige auserwählte und bereits gestorbene Menschen richten darf, - die man um Fürsprache bei Gott bittet. Interessant ist aber, dass diese Menschen im christlichen Kontext Heilige genannt werden. Denn die Idee des Heiligen gehört auch zu dem weiteren Verständnis des Betens hinzu. In den Traditionen, die diesen weiten Begriff des Betens pflegen, gab und gibt es die Vorstellung, dass die Welt als Ganzes und alles in ihr eine Aura des Heiligen umgibt. Alles ist heilig. Ein Gedanke, der auf globaler Ebene ernst genommen sehr schnell mit den Ungeheuerlichkeiten, die wir Menschen uns gegenüber der nichtmenschlichen Welt erlauben, Schluss machen würde.
Wie können wir Modernen lernen, die Heiligkeit der Welt zu erkennen und zu akzeptieren? Wie können wir lernen, in diesem Sinne wieder zu beten? Vielleicht braucht es dafür eine neue Begrifflichkeit, die weniger Altlasten mit sich trägt?
P.S.: In vielen Traditionen des Betens haben sich besondere Arten des Sprechens entwickelt, die man mit dem Sammelbegriff „Sprechgesang“ bezeichnen kann. Das ist eine stimmliche Kunstform, die in der Moderne fast vollständig verschwunden ist. Vielleicht ist die Wiederbelebung dieser reichen Spielart von Ansprache und Anrufung ein möglicher Ansatz, um die Kontaktaufnahme mit der mehr als menschlichen Welt zu erleichtern!
English:
The only thing that helps is prayer!?
How we can reconnect with the more than human world
In our search for a new, respectful and caring attitude towards our wounded world, I have repeatedly emphasised that establishing contact through the voice should be particularly promising. For in virtually all non-modern cultures, the voice was the preferred medium for connecting with the forces and beings of the non-human world. Singing was not, first and foremost, an activity directed at other people – apart from the important practice of singing to and with children – but rather one sang to forces, animal beings, spirits and gods.
However, it was not only through singing that people sought to connect with the world around them; they also sought to establish and maintain this connection through speech. This form of speech is commonly referred to as prayer! One could therefore say:
The concept of prayer refers to any form of address directed at non-human beings and entities with whom humans wish to communicate.
This is an understanding of prayer that goes beyond the classical Christian conception, in which prayer may be directed exclusively to God and to a select few people who have already passed away – whom one requests to intercede with God. It is interesting, however, that in a Christian context these people are called saints. For the idea of the sacred is also part of the broader understanding of prayer. In traditions that uphold this broad concept of prayer, there has always been – and still is – the notion that the world as a whole, and everything within it, is surrounded by an aura of the sacred. Everything is sacred. A notion which, if taken seriously on a global scale, would very quickly put an end to the atrocities that we humans perpetrate against the non-human world.
How can we, modern people, learn to recognise and accept the sacredness of the world? How can we learn to pray again in this sense? Perhaps this requires a new set of terminology that carries less of a historical burden?
P.S.: In many traditions of prayer, particular styles of speech have developed which can be described by the collective term ‘chanting’. This is a vocal art form that has almost completely disappeared in the modern era. Perhaps the revival of this rich form of address and invocation could be a possible approach to facilitating contact with the non-human world!
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