Die Dao Series sind eine Reihe mit künstlerischen Aktionen und Stimm-Performances, in der ich mich mit dem altchinesischen Denken und insbesondere dem Dao De Jing von Lao Dse auseinandergesetzt habe.
Der Start war eine Aktion im Frühjahr 2012.
Das + im Titel weist darauf hin, dass in diesem Zusammenhang ein paar Aktionen stattgefunden haben, die nicht unmittelbar mit den Dao Series zu tun hatten.
Das gilt besonders für die Zeit meiner Residenz im Taipei Artist Village im Herbst 2012.
English:
Dao Series is a series of artistic actions and voice performances in which I engaged with ancient Chinese thought, particularly the *Dao De Jing* by Laozi. The project began with an action in spring 2012.
The "+" in the title indicates that several related actions took place in this context that were not directly part of the Dao Series. This especially applies to the period of my residency at the Taipei Artist Village in autumn 2012.
The Dao Series vol. 1
18. bis 20. Mai 2012, Eifel/ Loft
Konzert: Sonntag, 20. Mai, 20.30 Uhr im Kölner Loft
Der Ankündigungstext dieser Performance lautete folgendermaßen:
Unter dem Titel "The Dao Series" führe ich eine Reihe von Performances durch, in denen ich mich mit Grundgedanken des chinesischen Daoismus beschäftige und sie in das Medium "Stimme", genauer, der Extended Voice umsetze. Hintergrund meiner "Dao Series" bildet meine Vermutung, dass sich im altchinesischen Denken Motive finden, mit denen das Phänomen der menschlichen Stimme adäquat erfasst werden kann und die ein starkes künstlerisches Potential für die ganze menschliche Stimme besitzen.
Ich verstehe die "Dao Series" als Fortsetzung meiner künstlerischen Stimmerforschung mit Hilfe von Performances, bei denen ich mich in den vergangenen Jahren u.a. mit dem Faktor Zeit und seinem Einfluss auf den Stimmklang auseinandergesetzt habe.
In den Performances der Dao Series werde ich mich für längere Zeit einer spezifisch daoistisch geprägten inneren und/oder äußeren "Umwelt" (heute würde ich hier von Situation sprechen.) aussetzen, mich mit ihr so umfassend und intensiv wie möglich in Kontakt bringen und dann den Einfluss auf meinen Stimmklang in freien improvisierten "Konzert"-Phasen öffentlich erkunden.
English:
The announcement text for this performance read as follows:
Under the title "The Dao Series," I am conducting a series of performances in which I engage with fundamental concepts of Chinese Daoism and translate them into the medium of "voice," more precisely, Extended Voice. The background to my "Dao Series" is my hypothesis that ancient Chinese thought contains motifs capable of adequately capturing the phenomenon of the human voice and possessing strong artistic potential for the entire human voice.
I understand the "Dao Series" as an extension of my artistic research into the voice through performance, during which I have in recent years, among other things, explored the factor of time and its influence on vocal timbre.
In the performances of the Dao Series, I will subject myself for extended periods to a specifically Daoist-influenced inner and/or outer "environment," (today I would talk about “situation”.) establish contact with it as comprehensively and intensively as possible, and then publicly explore its influence on my vocal timbre in freely improvised "concert" phases.
"Berge und Täler sind die Maserungen der Natur;
Pinsel und Tusche sind die Berührungspunkte mit der Landschaft und dem Grün;
bewegt man, im Geiste von beidem erfüllt, die Pinselspitze, dann erfährt man grenzenlose Freude."
"Mountains and valleys are the grain of nature;
brush and ink are the points of contact with the landscape and the greenery.
When one, filled with the spirit of both, moves the tip of the brush, then one experiences boundless joy."
Dieser Satz, der auf einem Bild des zeitgenössischen chinesischen Malers Zheng Mi geschrieben steht,
enthält eine Idee des künstlerischen Prozesses, die mich als Stimmperformer interessiert.
In der altchinesischen Vorstellung wartet jenseits der rein handwerklichen Fertigkeiten nicht, wie im Westen,
das Genie, das alles aus sich selbst nimmt,
sondern das Eintauchen in eine Situation, aus der heraus sich der künstlerische Akt initiiert.
Um diese Idee mit der Stimme zu erforschen, habe ich mich vom 18. bis 20. Mai 2012 tagsüber in einem Waldstück in der Eifel aufgehalten und die Atmosphäre der Landschaft aufgenommen – in einer Art und Weise, die es meiner Stimme erlauben sollte, während der Zeit im Wald und danach im Konzert, von der Situation geprägt zu reagieren.
In der Performance ließ ich mich sowohl in der Eifel, wo ich allein und ohne Publikum agiert habe,
als auch im Konzert im Loft von zwei daoistischen Konzepten leiten:
A) dem Faden/der Fadheit, das entgegen aller westlichen Vorstellungen von Stimmpräsenz, einen Boden bereiten soll, auf dem stimmlich alle Möglichkeiten als Potenzial bereit liegen.
B) dem Weg (dao) und dem Nichteingreifen, d.h. ich habe versucht, meiner Stimme so weit wie irgend möglich die Entscheidung zu überlassen, welchem Weg sie klanglich folgen will.
Von dem Konzert gibt es keine Aufnahme und auch keine Fotos. Aus der Erinnerung weiß ich, dass ich mich in der Eifel hauptsächlich in einem Waldstück auf einem Baumstumpf sitzend aufgehalten habe, abseits der Wege. Im Konzert habe ich neben freien Stimmphasen auch Aufnahmen eingespielt, die ich im Wald gemacht hatte. Und damit wiederum stimmlich frei improvisiert.
Diese Aktion hatte im Nachhinein betrachtet deutlich den Charakter eines Anfangs. Ich habe mich in die ganze Idee der Dao Series langsam reingetastet. Aus den Erfahrungen ist dann der erste und für meine künstlerische Laufbahn entscheidende Performance der Dao Series 2 entstanden, die in Taipei stattgefunden hat.
English:
This sentence, inscribed on a painting by the contemporary Chinese artist Zheng Mi, contains an idea of the artistic process that interests me as a voice performer. In the ancient Chinese conception, beyond mere technical skill, it is not genius—as in the West—that emerges from within oneself, but rather immersion in a situation from which the artistic act is initiated.
To explore this idea, I spent the days from May 18 to 20 in a wooded area in the Eifel region, absorbing the atmosphere of the landscape—in such a way that my voice would be able to react, during my time in the forest and later in the concert, under the influence of that situation.
In the performance, I was guided by two Daoist concepts both in the Eifel, where I acted alone without an audience, and in the concert at the Loft:
A) The thread/thinness (*Faden/Fadheit*), which, contrary to all Western notions of vocal presence, is meant to prepare a ground upon which all vocal possibilities lie ready as potential.
B) The Way (*dao*) and non-action (*wuwei*), meaning I aimed to let my voice decide, as much as possible, which sonic path it wishes to follow.
There is no recording or photograph of the concert. From memory, I know that in the Eifel I mostly sat on a tree stump in a secluded part of the woods, away from paths. In the concert, alongside freely improvised vocal phases, I also played recordings I had made in the forest—again, vocally free-improvised.
Looking back, this action clearly bore the character of an beginning. I gradually felt my way into the entire idea of the Dao Series. From these experiences arose the first—and for my artistic career decisive—performance of the Dao Series 2, which took place in Taipei.
Dao Series No 2 – Taipei, September 2012
Die zweite Performance in der Reihe der Dao Series war in gewisser Weise der Höhepunkt des Projekts und stellt auf jeden Fall die wichtigste Wegmarke dar, die mir die Richtung für meine weitere stimmkünstlerische Arbeit gewiesen hat.
Durchgeführt habe ich die Performance im Taipei Artist Village in Taiwan, wo ich im Spätsommer und Herbst 2012 eine Künstler-Residenz hatte. Im Rahmen meines Aufenthaltes dort sind noch ein paar andere Dinge entstanden, auf die ich später eingehen werde.
Die Dao Series stellen wie gesagt eine Reihe von Performances dar, in denen ich einige fundamentale Motive und Gedanken des Daoismus mit der Idee der Extended Voice konfrontiere. Dabei will ich herausfinden, was passiert, wenn ich mich in eine innere und äußere Situation begebe, die durch grundlegende daoistische Aspekte geprägt ist.
In der Version der Dao Series No 2, die in Taipei stattfand, habe ich mich auf die folgenden Aspekte fokussiert:
- Die Idee des „Faden“ oder der Fadheit: Ich wollte herausfinden, ob ich meine Stimme in den Bereich der klanglichen Fadheit führen kann, um ihr von dort aus die Freiheit zu geben, in den großen Raum der klanglichen Möglichkeiten zu treten – ohne dass ich zu viel an eigenen Ideen und Vorschlägen einbringe?
- Die Idee des Leeren im Sinne eines leeren Behältnisses, das seine Funktion und Bedeutung gerade durch diese Leere erhält, die gefüllt werden kann.
- Die Idee des „von selbst“ (ziran), einem altchinesischen Konzept, das in enger Verbindung steht mit „wu wei“, der chinesischen Vorstellung des Nichthandelns. Wie lässt sich davon etwas in die stimmliche Bewegung integrieren?
Die Performance dauerte zwei Tage, mit jeweils acht Zyklen von 64 Minuten. Diese Zeitstruktur folgte dem Aufbau des I Ging, das bekanntlich aus acht Trigrammen zusammengestellt ist und daraus 64 Hexagramme bildet.
In jedem Zyklus habe ich 48 Minuten lang mit jedem Atemzug einen Stimmklang erscheinen lassen und 16 Minuten geschwiegen.
Für die ersten sieben Phasen der beiden Zyklen war ich in dem Raum alleine. Über eine Kamera und ein Mikrofon wurde meine Aktion nach draußen gebracht, wo man an einem großen Bildschirm und mit Kopfhören die Performance mitverfolgen konnte.
Im Raum hingen an den Wänden je 81 Versionen von fünf Kapiteln des Dao De Jing von Lao Dse, und zwar die Kapitel 4, 11, 35, 48, 63
Im Raum hingen an den Wänden je 81 Versionen von fünf Kapiteln des Dao De Jing von Lao Dse, und zwar die Kapitel 4, 11, 35, 48, 63.