Die Menschen, Ich und die Klimakrise / People, me and the Climate Crisis

07.05.2026

English below!


Die Schweizer Zeitschrift „Republik“ hat kürzlich zwanzig Menschen, die sich auf verschiedene Weise für den Klimaschutz engagieren oder wie die Zeitschrift es formuliert, „an Lösungen für die Klimakrise arbeiten“, darum gebeten, den folgenden Satz zu vervollständigen: 

„Ich wünschte mir, es würden mehr Menschen...“

https://www.republik.ch/2026/05/06/ich-wuenschte-mir-es-wuerden-mehr-menschenArrow Right

Dabei sind zwanzig Sätze herausgekommen, die ich zum großen Teil ohne zu zögern unterschreiben würde. Am meisten angesprochen hat mich der Satz von Luisa Neubauer, die als einzige das „Hören“ ins Spiel bringt und als Modus der Verbindungsaufnahme mit allem in der Welt versteht. 


Wenn ich von vocal ecotismArrow Right

 aus auf diese Aktion schaue, stellen sich mir zwei Fragen. 

1.    Kann diese Aktion auf diejenigen, die sie lesen, eine im ökologischen Sinn positive Wirkung entfalten? Das ist der Aktion natürlich zu wünschen. Alleine das Bemühen, die Klimakrise in der öffentlichen Debatte zu halten, aus der sie von all den anderen Krisen und Kriegen heraus gedrängt zu werden droht, ist wichtig und gut. Doch kann man ernsthaft davon ausgehen, dass durch diese Aktion bei Lesenden eine Verhaltens- und/oder Haltungsänderung herbeigeführt wird. Was genau wird hier versucht? Eine Gruppe von 20 Expert*innen, die zu wissen scheinen wie es gehen könnte und jedenfalls alle guten Argumente auf ihrer Seite haben, sagen all den anderen - die es vielleicht auch wissen, aber nicht so ganz genau wissen wollen - was sie tun sollten, damit die Situation sich zum Besseren wendet. Damit komme ich zur zweiten Frage:

2.    Wie würde der Anfang des Satzes lauten, wenn es sich um eine vocal ecotism-Aktion handeln würde? Um darauf eine Antwort zu finden, wird es hilfreich sein, einen Blick auf die 

Leitlinien für eine Stimmkunst in der versehrten Welt Arrow Right

zu werfen. Schnell wird uns dann auffallen, dass es drei Leitlinien gibt, die in dem originalen Satz der Zeitschrift Republik nicht beachtet worden sind. 


Direkt die erste Leitlinie, die nicht zufällig an oberster Stelle steht, lautet: 

Nicht-Wissen. Wir arbeiten mit Fragen, nicht mit Antworten. Wir erlauben uns Zweifel, Ratlosigkeit.“ 

Uns geht es nicht darum, es besser zu wissen als die anderen. Klar, es wäre absurd die überzeugenden Wissensbestände zu den ökologischen Krisen zu ignorieren. Darum geht es hier nicht. Doch es ist schon lange deutlich geworden, dass man aus der Position der Wissenden kaum jemanden dazu bringt, die Klimakrise oder das Artensterben usw. so ernst zu nehmen wie es angemessen wäre. 

Damit kommen wir zur zweiten Leitlinie, die besagt: 

Lernen statt lehren. Alle Kunstaktionen sind so gestaltet, dass die Beteiligten auf und vor den Bühnen die Gelegenheit haben, zu lernen – ohne dass gelehrt oder gar belehrt wird!“

Damit sind wir als die Kunstschaffenden immer in den Lernprozess mit einbezogen. Hier soll nicht bestritten werden, dass es zwischen Leuten, die sich lange und ausgiebig mit den ökologischen Themen auseinandersetzen und anderen, die dazu nicht die Gelegenheit oder Zeit haben, ein Wissens- und Erfahrungsgefälle geben kann. Doch inwiefern ist dieses größere Wissen ein Vorteil? Wie muss es eingesetzt werden, um an der gegenwärtigen Situation wirklich etwas zu verändern? Das führt mich zur dritten Leitlinie:

Selbstbefragung: Wir beginnen bei uns. Wir machen uns selbst zum Teil der Forschungsreise.“


Mich führen diese Überlegungen zu folgender Variante des ursprünglichen Satzes, den die Zeitschrift Republik formuliert hat:

„Ich wünschte mir, ich würde mehr ...“


Denn ich vermute, solange wir an Lösungen arbeiten, die in erster Linie darauf hinauslaufen, den anderen sagen zu können, was sie tun sollen, wird sich nichts ändern. 

(Es wäre außerdem schon etwas gewonnen, wenn wir genauer bestimmen könnten, was mit dem Begriff „Lösungen“ überhaupt noch gemeint sein kann!)


Nachtrag 10. Mai 2026: 

Auf diesen Beitrag habe ich eine Antwort bekommen, die mir zeigt, dass ich mich mindestens in einer Hinsicht missverständlich ausgedrückt habe. Darin hieß es, es würde uns nicht weiterhelfen, wenn wir uns „nur auf uns konzentrieren und das Systemische ausklammern“. Das sei eine Falle, in die uns die Konzerne hineinschubsen. Beispiel dafür ist ja der individuelle CO2-Fußabdruck, eine Erfindung der Ölindustrie. 


So lautet meine Antwort:

Das Systemische auszuklammern wäre sicher ein schwerer Fehler. Darum ging es mir nicht. Da habe ich mich wohl missverständlich ausgedrückt.


Mir geht es darum, wie wir miteinander ins Gespräch kommen können. Die Aktion der „Republik“, so gut sie auch in verschiedenen Hinsichten ist, gibt den Eindruck, da wären irgendwelche Experten, die wüssten, was zu tun ist, und die den anderen zeigen könnten, wo es lang geht. Das ist ja auch nicht falsch, aber es trennt uns in zwei Gruppen: diejenigen, die wissend und moralisch auf dem richtigen Pfad sind und die anderen, die von der ersten Gruppe lernen müssen.

So kommen wir meines Erachtens nicht weiter. Deshalb schlagen wir in den Leitlinien eben vor, damit zu beginnen, dass wir alle - auch die sogenannten Experten - nicht wissen, wie wir mit der Situation umgehen sollen. All die Kenntnis über den Klimawandel usw. hilft ja offenbar nicht, um die richtigen, auch systemischen Antworten darauf zu geben.

Wir sind nicht nur in einer dramatischen, sondern auch in einer welthistorisch einzigartigen Situation. Die Menschheit schädigt die gesamte Biosphäre der Erde und bringt sie aus dem Gleichgewicht. Wir brauchen alle die Expert*innen und Aktivist*innen, um uns dieser neuen Situation zu stellen. Aber die Antworten müssen wir gemeinsam finden.

Der Satz, "Ich wünschte, mehr Menschen würden…“ ist dafür in meinen Augen keine sehr hilfreiche Strategie, auch wenn ich natürlich verstehe, was dahinter steht. Mir scheint es hilfreicher zu sein, bei sich anzufangen, und das zu kommunizieren, z.B. über Kunst, so wie wir das bei vocal ecotism versuchen…



People, Me and the Climate Crisis

Swiss magazine *Republik* recently asked twenty people who are involved in climate protection in various ways – or, as the magazine puts it, “working on solutions to the climate crisis” – to complete the following sentence (the article is in German):

“I wish more people would…”


https://www.republik.ch/2026/05/06/ich-wuenschte-mir-es-wuerden-mehr-menschenArrow Right

The result is twenty statements, most of which I would agree with without hesitation. The statement that resonated with me most was Luisa Neubauer’s; she is the only one who brings up “listening” and sees it as a way of connecting with everything in the world.


When I look at this initiative from the perspective of 

vocal ecotismArrow Right

two questions come into my mind.

1. Can this campaign have a positive impact, in an environmental sense, on those who read it? That is, of course, what we hope for. The very effort to keep the climate crisis in the public debate – from which it is in danger of being pushed out by all the other crises and wars – is important and good. But can we seriously assume that this campaign will bring about a change in behaviour and/or attitude among those who read it? What exactly is being attempted here? A group of 20 experts, who seem to know how things could work and certainly have all the good arguments on their side, are telling everyone else – who perhaps also know, but do not want to know quite so precisely – what they should do to turn the situation around for the better. This brings me to the second question:

1. How would the beginning of the sentence read if this were a vocal ecotism initiative? To find an answer to this, it will be helpful to take a look at the

Guidelines for Vocal Art in a Wounded WorldArrow Right

We will soon notice that there are three guidelines which were not followed in the original sentence from the magazine *Republik*.

The first guideline, which is not by accident at the top of the list, reads:

Not-Knowing: we work with questions, not answers. We allow ourselves doubt, perplexity.

We’re not trying to claim we know better than everyone else. Of course, it would be absurd to ignore the compelling body of evidence on ecological crises. That’s not the point here. However, it has long been clear that, from the position of the knowledgeable, it is almost impossible to persuade anyone to take the climate crisis, species extinction and so on as seriously as would be appropriate.

This brings us to the second guideline, which state:

Learning instead of teaching: All art activities are designed in such a way that the participants on and in front of the ‘stages’ have the opportunity to learn – without any teaching or lecturing! 

This means that we, as artists, are always involved in the learning process. There is no denying that there may be a gap in knowledge and experience between those who have engaged extensively and at length with environmental issues and others who do not have the opportunity or the time to do so. But to what extent is this greater knowledge an advantage? How must it be used to bring about real change in the current situation? 


This brings me to the third guiding principle:

Self-Questioning: We start with ourselves. We make ourselves part of the research.


These thoughts lead me to the following variation on the original sentence, as formulated by the magazine Republik:

“I wish I would do more of...”


I believe that as long as we are working on solutions that essentially boil down to telling others what to do, nothing will change. (It would already be a step in the right direction if we could define more precisely what the term ‘solutions’ actually means these days!)



Update 10 May 2026:

I received a reply to this post which showed me that I have expressed myself ambiguously in at least one respect. The reply stated that it would not help us if we “focused solely on ourselves and ignored the systemic issues”. This, it said, is a trap into which the corporations are pushing us. A prime example of this is the individual carbon footprint, an invention of the oil industry.

My response to that is as follows:

To disregard the systemic aspect would certainly be a serious mistake. That wasn’t my point. I suppose I didn’t express myself clearly enough.


My concern is how we can engage in dialogue with one another. The ‘Republik’ initiative, however good it may be in various respects, gives the impression that there are certain experts who know what needs to be done and who can show others the way forward. That isn’t wrong, of course, but it divides us into two groups: those who are knowledgeable and morally on the right path, and the others, who have to learn from the first group.

In my view, this approach won’t get us anywhere. That is why we propose in the guidelines that we start by acknowledging that none of us – not even the so-called experts – knows how to deal with the situation. All this knowledge about climate change and so on clearly isn’t helping us to come up with the right answers, including systemic ones.

We find ourselves not only in a dramatic situation, but also in one that is unique in the history of the world. Humanity is damaging the Earth’s entire biosphere and throwing it out of balance. We all need experts and activists to help us face this new situation. But we must find the answers together.

In my view, the phrase “I wish more people would…” is not a very helpful strategy for this, even though I naturally understand the intention behind it. It seems to me to be more helpful to start with oneself and to communicate that, for example through art, as we try to do at vocal ecotism…



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