vocal ecotism

Ein Mann beugt sich zu Boden

Eine Erzählung

only in German, sorry….


Die Erzählung 

Ein Mann beugt sich zu Boden

ist im Rahmen der Recherche von vocal ecotism entstanden und stellt einen literarischen Versuch dar, über die Möglichkeiten der Verbindungsaufnahme von Menschen zur mehr als menschlichen Welt nachzudenken. In diesem Fall geht es um den Kontakt zu einem Stein, also zum Element Erde. 

 Einer der eher seltenen literarischen Texte, die ich schreibe....


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Ralf Peters

Ein Mann beugt sich zu Boden


(für Bettina Hesse)


Ein Mann beugt sich zu Boden, ergreift mit seiner rechten Hand, während er sich mit der linken am Oberschenkel abstützt, einen ungefähr faustdicken Stein und hebt ihn, gleichzeitig sich wieder aufrichtend, hoch. Mit einem Ausdruck von Unschlüssigkeit im Gesicht hält er den Stein nicht etwa in sein Blickfeld, sondern mit angewinkeltem Arm vor den Bauch, auf Höhe des Nabels. Diese alltäglich anmutende, doch vergleichsweise selten ausgeführte Handlung steht am Anfang der Geschichte, die hier erzählt werden soll. Noch fehlen wichtige Indizien, um auch nur ahnen zu können, in welche Richtung sich die Geschichte bewegen wird. Bislang gibt es nur diesen namenlosen Mann, von dem so gut wie nichts bekannt ist, wenn man davon absieht, dass sein Geschlecht schon im ersten Satz definiert wurde. Noch ist nicht ausgemacht, ob es möglich, sinnvoll oder notwendig sein wird, ihm einen Namen zu geben, wobei diese Formulierung suggeriert, der Mann sei eine Erfindung des Autors und Erzählers, der in auktorialer Selbstherrlichkeit entscheiden könnte, wie er heißt und schließlich sogar, was mit ihm geschieht. 

Nichts ist weiter entfernt von der realen Sachlage. Der Mann stellt keine Erfindung dar und auch das gegenteilige Klischee, nachdem Figuren nicht er- sondern gefunden werden, kommt in diesem Fall nicht zur Anwendung. Der Mann schritt einfach durch das Bewusstsein des Autors, ein paar Minuten, bevor er sich bückte, um den Stein aufzuheben und noch bevor der Autor überhaupt entschieden hatte, die für ihn eigentlich unübliche Berufs- oder zumindest Tätigkeitsbezeichnung für eine gewisse Zeit anzunehmen und dieser Aneignung das Formulieren von Sätzen folgen zu lassen. All dies geschah zu einem Moment, an dem weder die Figur geformt noch die Geschichte vorentworfen war. Immerhin hörte der Autor, der, soviel sei zur Beruhigung der Leser*innen verraten, bald wieder in den Hintergrund verschwinden wird, hörte also der Autor den Mann an ein Sonett von Rilke denken, in dem scharfe, geworfene Steine zu Sanftem werden und begabt mit Gehör. Der Autor und der Protagonist der Geschichte, die hier erzählt werden soll, wundern sich jedes Mal, wenn ihnen das Sonett im Sinn erscheint, über dieses merkwürdige, gewagte Bild der sanften Steine, die durch den Gesang von Orpheus beginnen zu hören. So auch dieses Mal und zwar in gewisser Weise zeitgleich. 

Hielt der Mann es für möglich, dass der Stein in seinen Händen etwas hören könnte, wenn er zu ihm spräche? Wollte er dem Stein etwas sagen? Warum dann hielt er ihn nicht vors Gesicht? Kam die Unschlüssigkeit im mimischen Ausdruck des Mannes daher, dass ihm das Seltsame an der Idee, mit einem Stein sprechen zu wollen, deutlich vor Augen stand? Von der Unschlüssigkeit wie mit einer schweren, herunterhängenden Eisenkette festgehalten, stand der Mann bewegungslos an der Stelle, wo er auf den Stein getroffen war. Bewegungslos ist für den Zustand des Manns ein nicht ganz passender Begriff. Der Mann atmete, wenn auch eher flach und etwas zu schnell. Sein Herz schlug ebenfalls in einem leicht erhöhten Rhythmus, was den gewagten doch in diesem Fall korrekten Schluss zulässt, dass es sich bei ihm um eine Person handelt, die die Mitte des Lebens, selbst bei optimistischer Prognose für die Lebensdauer, hinter sich hat. Dieses Detail ist für den Fortgang der Geschichte wichtig, weil damit eine Richtung, in die sie sich entwickeln könnte, zwar nicht ausgeschlossen, aber doch unwahrscheinlich geworden ist. Der Mann hat den Stein nicht aufgehoben, um ihn zu werfen. Nicht, weil er ihn nicht werfen könnte, dafür hätte er die Energie. Sondern weil Männer in der zweiten Hälfte ihres Lebens nicht dazu neigen, Steine zu werfen. Vielleicht lässt man in dem Alter manchmal für Tochter, Sohn oder Enkel kleine flache Steinchen über die glatte Oberfläche eines Sees hüpfen. Doch faustdicke Steine werden in der Regel von jüngeren Männern geworfen, in Richtung von Wasserwerfern zum Beispiel oder der sich nähernden Phalanx polizeilicher Einsatzkräfte. Unser Mann gehörte in jungen Jahren zu dem Teil der Anti-AKW Bewegung, die, was das Steinewerfen betraf, nicht zimperlich war. Doch das war nun Teil seiner Geschichte und nur noch eine Erinnerung.


Der Mann spürte in diesem Moment seinen zu schnellen Herzschlag nicht, obwohl er von den Gedanken an seine Vergangenheit ohne weiteres auf die körperliche Reaktion hätte schließen können. Immerhin nahm er in sich in Andeutungen eine bedrohlich wirkende Aufregung wahr und er fragte sich unwillkürlich, ob sie etwas mit dem Stein in seiner Hand zu tun hat, mit der Verbindung zu diesem faustdicken, gerundeten und auf der gesamten Oberfläche überraschend glatten Ding, das seit unvordenklichen Zeiten in der Gegend seine Existenz fristete. Wobei die sich so angenehm an der Innenseite seiner Hand sich anfühlende Glätte des Steins auf eine relativ bewegte Geschichte hindeutet. Die Glätte kann eigentlich nur dadurch entstanden sein, dass der Stein mit anderen harten Oberflächen über sehr lange Zeiträume in Reibung stand. Plötzlich erinnerte sich der Mann an den Begriff des Trommelns, einer Technik, mit der Halbedelsteine mit Hilfe von Schleifpulver und Wasser, das mit den Steinen in einer Trommel in drehende Bewegung gebracht wird, eine glatte und runde Form bekommen. Anders als beim Schleifen lässt sich beim Trommeln die Form nicht genau vorherbestimmen, aber man kennt den Spielraum der Formen, innerhalb dessen sich am Ende die bunten Steine zeigen werden, wie etwa das zwischen Gold und Schwarz changierende Tigerauge. Ja, dachte der Mann, der Stein in meiner Hand ist auch getrommelt worden. In seiner äonenhaft langen Existenz musste der Stein eine längere Zeit in fließendem Wasser verbracht haben, das ihm im Zusammenspiel mit zahllosen anderen Steinen in seine heutige Form gebracht hat. Der Platz an dem der Mann ihn entdeckt hatte, konnte also unmöglich der angestammte Ort des Steins sein, denn hier gab es nirgends einen Bach oder Fluss. 

 

Der Mann atmete tief durch, oder besser gesagt, ihn durchfuhr ein großer Atemzug, einer dieser Atmer, die anzeigen, dass sich innerlich gerade etwas löst, etwas befreit wird und in Bewegung kommt. Obwohl die unwillkürliche Atembewegung nicht die Aufmerksamkeit des Mannes weckte, wanderten seine Gedanken in diesem Moment zum Begriff der Bewegungslosigkeit, ein Wort, das oft in genau genommen unangemessenen Zusammenhängen auftaucht. Unbeweglichkeit, so sinnierte er, gibt es nur dem Anschein nach. Selbst der Stein in meiner Hand vibriert geradezu vor Bewegung. Er fragte sich, wie viele der Moleküle in seinem Körper in früheren Existenzweisen einmal Teil eines Steins gewesen sind. Das Wort Sternenstaub schwebte ihm durch den Kopf. Und dennoch muss der Stein im Vergleich zu mir, dachte der Mann, ein Experte für Unbeweglichkeit sein, auch wenn diese nur eine extreme Form der Langsamkeit sein mag. Wie mag es sein, sich nicht in Tagen, sondern in Zeitaltern zu bewegen? So stieg in dem Mann der Wunsch auf, dem Stein zuzuhören. 

Angenommen, die Absicht dem Stein Gehör zu schenken, würde sich in der Geschichte so fortführen, dass der hörende Mann den Eindruck gewinnt, tatsächlich etwas gehört zu haben. Was würde dieser Eindruck über die Bewegungslosigkeit des Steins enthüllen? Würde die Vorstellung, dem Stein erfolgreich zugehört zu haben, nicht bedeuten, der Stein hätte etwas von sich gegeben? Ist dieses Geben etwas anderes als eine Bewegung? Dem Mann dämmerte eine neue Einsicht. Wenn ich, dachte er, mir selbst glaubhaft machen kann, etwas gehört zu haben, das ich dem Stein zuordne, auch wenn dieses Hören nicht auf ein im üblichen Sinne akustisches Klanggeschehen zurückzuführen ist, sondern als ein inneres Hören im äußeren Raum geschieht, liegt es dann nicht nahe, dem Stein eine gewisse innere Beweglichkeit zuzugestehen? So wie ich von einem Mann vorschnell behaupte, er stünde mit einem Stein in der Hand bewegungslos herum, obwohl das Stehen überhaupt nur möglich ist, so lange verschiedene Bewegungen geschehen - wahrnehmbare wie den Atem und subtile Mikrobewegungen auf Nervenbahnen, in Muskeln und Blutkreislauf - so kann ich doch vermuten, ein Stein wäre mehr als seine aus Geduld erwachsene Bewegungslosigkeit. Auch wenn ich, so dachte der Mann weiter, nicht die geringste Ahnung von den Bewegungen habe, die es in einem Stein geben könnte. 

Man braucht ja nur an die Quantenphysik zu denken, um zu erkennen, wie unendlich viele Bewegungen in einem grauen, faustdicken Stein unablässig vonstatten gehen. Doch das war nicht die Assoziation, die dem Mann in den Sinn kam. Er erinnerte sich stattdessen an die Behauptung die er in einem Buch gelesen hatte, Steine hätten die Tendenz, sich an den Ort bewegen zu wollen, von dem sie irgendwann weggenommen worden sind. Selbst Sand hätte diese Eigenschaft. Das hieße, all der Beton, der gegossen wird, fängt mit dem Moment, an dem er getrocknet ist, schon an, zu zerfallen, um es dem Sand und dem Kies, die darin gefangen sind, zu ermöglichen, nach hundert, tausend oder hunderttausend Jahren, wieder dorthin zu gelangen, wo sie die meiste Zeit ihrer Existenz gelegen haben, ohne den Wunsch zu verspüren, woanders zu sein. Im gleichen Buch hatte er die zwar unglaubliche, aber umso schönere Geschichte gelesen, nach der die Steine, die Touristen aus aller Welt aus dem heiligen Berg der australischen Aborigines, dem Ayers Rock, der jetzt wieder Uluru heißen durfte, gerissen und mit nach Hause auf ihre Kontinente genommen haben, dass viele dieser Steine ihre Entnehmer und die Orte ihres Exils auf verschiedenste Weise zu ärgern begannen, bis sie letztendlich wieder zurückgebracht wurden. 


Wir sind an einem Punkt der Geschichte angelangt, an dem zwar ein Berg schon einen Namen hat, genauer gesagt zwei, seinen richtigen und ein Pseudonym, der Mann, der an den Berg gedacht hat, jedoch noch immer namenlos ist. Namenlos. Ein Lieblingswort von Rilke, dachte der Mann in diesem Moment. Schwer sind die Berge, heißt es in einem seiner Sonette an Orpheus, in denen weder Steine noch Berge das zentrale Motiv darstellen, sondern der Gesang. Das Zusammendenken von Steinen und Singen liegt nicht gerade nahe, auch wenn es an verschiedenen Orten der Erde Felsformationen gibt, die man Singende Steine nennt. Allerdings singen dort eigentlich nicht die Steine, sondern der Wind, der durch sie hindurch und an ihnen vorbei bläst. Doch könnte man dasselbe nicht auch vom Gesang der Menschen sagen? Wer singt da? Der Mensch oder der Wind, der durch ihn weht? 


Der Mann mit dem faustgroßen, runden und schweren Stein in der Hand wusste nichts von singenden Steinen. Obwohl er durch Rilke die Idee der hörenden Steine kannte, war ihm die Frage, ob Felsen oder Steine mit Gesang assoziiert werden können, weder in diesem Moment der körperlichen Verbindung mit dem Stein noch je zuvor gekommen. In seinem Geist machte sich vielmehr Ratlosigkeit breit. Er gestand sich ein, nicht zu wissen, warum er den Stein aufgehoben hatte und ebenso wenig, was er jetzt mit ihm anfangen sollte. Sollte er ihn mit nach Hause nehmen? Zurück an die Stelle direkt vor seinen Füßen legen, wo er ihn aufgehoben hatte? Oder zu einem Flussufer bringen, in der Hoffnung, dass der Stein es dann nicht mehr so weit hätte bis zu seinem Heimatort? 

Da ihn nichts dazu drängte, eine schnelle Entscheidung zu treffen, gab er sich noch ein wenig Zeit, um einfach weiter dort mit dem Stein in der Hand zu stehen und sich ihm hörend, oder vielleicht besser gesagt mit einem offenen Ohr zuzuwenden. Nicht dass er hoffte, etwas vom Stein zu erfahren, das danach in Worte gefasst werden könnte. Ihm schien die Haltung des Hörens einfach die angemessene zu sein, um mit dem Stein in Verbindung zu bleiben. Im Nachhinein konnte der Mann nicht angeben, wie lange er dort, dem Stein in hörender Haltung zugewandt, gestanden hatte. Irgendwann bemerkte er die zunehmende Schwere in seinem angewinkelten Arm. Doch statt der naheliegenden Vermutung nachzugeben, die in solchen Fällen der muskulären Müdigkeit die Verantwortung zuschiebt, war der Mann überzeugt, dass der Stein immer schwerer würde. Sein Gewicht wuchs. Als ob er ihm sagen wollte, jetzt ist es gut. Die Zeit ist um. Leg mich wieder auf den Boden! Der Schauer eines leisen Glücksgefühls durchströmte den Mann. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er das körperlich fundierte Gefühl, mit einem Stein eine echte Verbindung gefunden zu haben, ein Gefühl, dass er vorher nicht nur niemals gesucht, sondern als Möglichkeit gar nicht im Sinn gehabt hatte. Dieses Gefühl schien ihn auf einer Ebene zu erreichen, die wenig mit seinem Leben, so wie er es bis eben kannte, zu tun hat. 


An dieser Stelle dachte der Autor wieder an Rilke, in dessen Sonetten man die Idee einer gemeinsamen Bewegung zweier Lebensformen im Menschen findet. Die Musik der Kräfte, die im wirklichen Bezug zueinander stehen und die lässlichen Geschäfte, die zwar den Menschen verstören, auf die tiefer liegenden Kräfte aber wenig Einfluss ausüben können. 


Dem Mann mit dem Stein kam diese Assoziation mangels einer genaueren Kenntnis der Sonette nicht in den Sinn. Wahrscheinlich hätte sie auch sein leises Glücksgefühl verscheucht. So aber beugte sich der Mann, jetzt mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht, von dem man nicht sagen konnte, ob es an den Stein oder an sich selbst gerichtet war, langsam nach unten. Er legte den Stein, den er so lange in der Hand gehalten hatte, behutsam auf den trockenen, festen Boden. Dann richtete er sich wieder auf, schaute noch einmal kurz nach unten, drehte sich um und ging seines Weges. 

Der Autor erkannte mit einer Mischung aus Verwunderung und Verstörung, dass sich sein Protagonist eigenmächtig im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Staub gemacht hatte, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als die Geschichte an dieser Stelle zu beenden. 


Den fotografischen Kommentar zu meinem Text hat mir Boris Nieslony geschickt! 

Die Aufnahme ist bei einer Performance 20219 entstanden!

Vielen Dank!

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