English below!
In den vergangenen Wochen bin ich gleich zweimal auf Sommerfeste gegangen, zu denen ich eingeladen war. Beide Male kannte ich von den anderen Gästen kaum jemanden, was mir die Gelegenheit eröffnete, ein paar gute Gespräche zu führen, die etwas anders verliefen als die in meiner üblichen Bubble. Zugleich ist in mir das Thema der Zugehörigkeit aufgestiegen. Zu welchen Gruppen, Schichten, Lebensformen oder Wertegemeinschaften fühle ich mich zugehörig und wo sehe ich mich eher am Rande stehen?
Die Wortfamilie rund um „gehören“ und „Zugehörigkeit“ ist einer der Glücksfälle der deutschen Sprache, den es so in anderen Sprachen nicht gibt (soweit ich weiß!). In der Zugehörigkeit klingen das Gehör und das Hören mit! Da horcht der Stimmkünstler und -forscher natürlich auf! Sollte die Zugehörigkeit auf eine Weise strukturiert sein, die im Feld von Stimme und Hören auch zu finden ist? Die sprachliche Nähe macht jedenfalls die Frage interessant, inwiefern mir meine Stimme gehört oder zugehörig ist.
Schauen wir uns etwas genauer an, welche Formen von Zugehörigkeit unterscheidbar sind.
Zum einen gibt es den wichtigen Unterschied zwischen dem was mir gehört und dem, zu dem ich gehöre. Es gibt Aspekte des Lebens, denen ich zugehörig bin und andere, die mir zugehörig sind, die also mir gehören.
Des Weiteren gibt es verschiedene Arten, wie Zugehörigkeit zustande kommt.
Bestimmten Aspekten bin ich sozusagen qua Existenz zugehörig, so etwa der Erde, der Menschheit, meistens auch einer Sprachgemeinschaft und einer Familie.
Anderen Aspekten bin ich qua Entscheidung zugehörig, etwa meinem Berufsstand, meinem Wohnort, vielen Aspekten meiner Lebensform. Ich kann mich manchmal entscheiden, mich zu einer Gruppe oder einer Institution zugehörig zu erklären.
Einigen Aspekten bin ich allerdings zugehörig, weil sie mir von anderen Menschen und Institutionen zugewiesen werden. Dazu gehört oft die Staatsangehörigkeit. Früher waren die meisten Menschen auch einer Religion zugehörig, weil sie in die jeweilige Religionsgemeinschaft aufgenommen wurden, ohne selbst gefragt worden zu sein.
Diese drei Arten der Zugehörigkeit sind nicht trennscharf voneinander zu unterscheiden, sondern spielen in den meisten Fällen ineinander. Das ist auch bei der Stimme so.
Einerseits gehört die Stimme zu den Aspekten meines Lebens, die mir qua Existenz zugehörig sind. Meine Stimme ist einfach ein Teil von mir – und wie wir im Ansatz von Wolfsohn/Hart und stimmfeld sehr gut wissen, der Teil, der auf besonders eindrückliche Weise sowohl meine Lebenserfahrungen als auch die noch nicht gelebten Potenziale zum klanglichen Vorschein bringen kann. Genau hier kann es zu interessanten Konflikten kommen zwischen dem, was mir zugehörig ist und dem was ich mir als zugehörig wünsche bzw. dem was ich lieber nicht als Teil von mir akzeptieren möchte.
Da kommen auch oft die Zugehörigkeiten mit ins Spiel, die mir von außen zugewiesen werden, ohne dass ich immer die Gelegenheit hätte, mich selbst dazu zu positionieren.
Man könnte unsere Stimmarbeit als ein Spiel mit diesen Zugehörigkeiten verstehen. Darin lernen wir zuerst die Stimme kennen, die uns zugehörig ist. Dann lernen wir genau diese Stimme mit all ihren Facetten als „meine“ Stimme zu akzeptieren und ins Leben zu integrieren. Und im Laufe dieses Spiels gelingt es im besten Fall immer mehr, den Fremdzuschreibungen, mit denen wir konfrontiert werden, nicht zu erlauben, unser stimmliches Selbstverständnis zu irritieren.
Am Ende zeigt sich dann vielleicht, dass nicht nur meine Stimme mir gehört, sondern zugleich ich meiner Stimme gehöre!
Does my voice belong to me?
Over the past few weeks, I’ve been to two summer parties to which I was invited. On both occasions, I hardly knew any of the other guests, which gave me the chance to have a few good conversations that were a bit different from those I usually have within my own bubble. At the same time, the issue of belonging has come to mind. To which groups, social classes, ways of life or communities of values do I feel I belong, and where do I see myself as being more on the fringes?
The German word for belonging that I use in this text is: Zugehörigkeit.
The family of words centred on ‘gehören’ and ‘Zugehörigkeit’ has no equivalent in other languages (as far as I know!). The concept of ‘Zugehörigkeit’ (belonging) resonates with the senses of ‘Gehör’ (hearing) and ‘Hören’ (listening)! Naturally, this catches the attention of a vocal artist and researcher! Could it be that ‘Zugehörigkeit’ is structured in a way that is also found in the realm of voice and hearing? In any case, this linguistic connection raises the interesting question of to what extent my voice belongs to me or is part of me.
Let us take a closer look at the different forms of belonging that can be distinguished.
Firstly, there is an important distinction between what belongs to me and what I belong to. There are aspects of life to which I belong and others that belong to me – that is, which are mine.
Furthermore, there are various ways in which a sense of belonging comes about.
I belong to certain aspects of life simply by the fact of my existence – for example, the Earth, humanity, and usually also a language community and a family.
Other aspects I belong to by choice, such as my profession, my place of residence, and many aspects of my way of life. I can sometimes choose to declare my affiliation with a group or an institution.
However, there are certain aspects to which I belong because they have been assigned to me by other people and institutions. This often includes nationality. In the past, most people also belonged to a religion because they were admitted to the relevant religious community without ever having been asked.
These three types of belonging cannot be clearly distinguished from one another, but in most cases overlap. This is also the case with the voice.
On the one hand, the voice is one of the aspects of my life that belong to me by virtue of my very existence. My voice is simply a part of me – and, as we know very well from the approach developed by Wolfsohn/Hart and stimmfeld, it is the part that can bring to sonic expression, in a particularly striking way, both my life experiences and the potentials I have yet to realise. It is precisely here that interesting conflicts can arise between what belongs to me and what I wish to belong to me, or rather, what I would prefer not to accept as part of myself.
Often, this involves the affiliations that are assigned to me from the outside, without me always having the opportunity to take a stance on them myself.
One could understand our voice work as a game with these affiliations. In it, we first get to know the voice that belongs to us. Then we learn to accept precisely this voice, with all its facets, as ‘my’ voice and to integrate it into our lives. And as this exploration unfolds, ideally we become increasingly able to prevent the external projections we are confronted with from disrupting our sense of vocal identity.
In the end, it may become clear that not only does my voice belong to me, but at the same time I belong to my voice!
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