Was heißt eigentlich "künstlerisch"? /What does it acutally mean: artistic?

12.08.2026

english below!


Seit einiger Zeit verwende ich in meinen Texten auffällig häufig den Begriff künstlerisch. Dann ist die Rede von einer künstlerischen Recherche (nämlich vocal ecotism), von künstlerischer Haltung, einem künstlerischen Leben, künstlerisch motivierten Ansätzen und Aktionen im Rahmen ökologischer Themen und so weiter. Doch was ist damit eigentlich gemeint? Wovon spreche ich oder worauf beziehe ich mich, wenn ich diesen Begriff verwende? 


In der vocal ecotism-Recherche haben wir einen ganz bestimmten Begriff des Künstlerischen entworfen, der für mich mittlerweile als allgemeiner Orientierungspunkt fungiert. Zur Entwicklung dieses Begriffs vom Künstlerischen war es nötig, uns zuerst von einem anderen Verständnis abzugrenzen, das in der gesellschaftlichen Debatte um die ökologischen Krisen oft auftaucht.  Dort wird betont, dass die Kunst für den Prozess eines Bewusstseinswandels so wichtig sei, weil sie die Erkenntnisse der Wissenschaft zugänglicher macht, dafür sensibilisieren kann und so weiter. Das Künstlerische würde dann den Zugang zu Erkenntnissen erleichtern, die aus dem Feld der Wissenschaft stammen. 

Das ist zwar eine Möglichkeit, läuft aber auf die meines Erachtens ganz falsche Unterscheidung hinaus, nach der die Naturwissenschaften für Fakten und Rationalität stehen und die Künste sozusagen für den human touch, die gefühlsbasierte Zugänglichkeit. Dagegen sehen wir Kunst als eine eigene Art des Denkens an, die in diesem Prozess eine Rolle spielt, weil sie die Dinge anders denken und deshalb anders darstellen kann als Wissenschaft oder Politik. Die Kunst ist viel mehr als ein Hilfsmedium für die Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse.


Ein entscheidender Unterschied zwischen dem Denken der Naturwissenschaften und dem der Künste besteht darin, dass die Naturwissenschaften die Natur als Objekt betrachten, das ohne Einfluss der Beobachter untersucht werden muss, um klare Resultate zu gewinnen. Die Kunst dagegen sieht den Menschen, der sich mit einem Thema künstlerisch forschend befasst, immer als Teil des gesamten Prozesses, in dem es nicht möglich und nicht wünschenswert ist, eine Trennung zwischen forschendem Subjekt und erforschtem Objekt zu schaffen. Künstlerische Recherche unterläuft diese für die Moderne so typische Subjekt-/Objektunterscheidung und öffnet sich damit Aspekten der Welt, die in der strengen Methodik der Naturwissenschaften gar nicht auftauchen können. So gesehen ist der künstlerische Ansatz der Forschung umfassender als der naturwissenschaftliche! Und sie erlaubt die bitter nötige Korrektur unserer menschlichen Selbstpositionierung zurück in den Kontext der Erde und des Lebens!


In der Recherche von vocal ecotism sind wir durchgehend von einer künstlerischen Logik ausgegangen. Das galt für die Fragestellungen, die uns interessieren, für die innere Haltung der Forschenden, den Prozess der gemeinsamen Erkundung und für die Ergebnisse, die angestrebt wurden. Diese künstlerische Logik impliziert u.a.: Künstlerische Forschung beruft sich auf Erkenntnisse aus allen Bereichen, in denen Erkenntnisse gewonnen werden können und betrachtet sie alle als gleichwertig. Es gibt demnach keine Dominanz etwas der wissenschaftlichen Erkenntnisse, die aber natürlich in die künstlerische Forschung mit einbezogen werden. So kann man zum Beispiel neueste Daten über die Belastung von Nordseefischen mit Mikroplastik aufrufen und in Verbindung setzen mit einem Wasser-Traum eines Mitglieds unserer Gruppe, der nach der Diskussion der wissenschaftlichen Daten auftaucht. Teil des Forschungsprozesses ist es, diese Gleichwertigkeit von Erkenntnissen in die innere Haltung zu transferieren. Das bedarf einer gewissen Übung. 

Die angestrebten Ergebnisse der künstlerischen Forschung sind nicht in erster Linie neue in Sprache oder Grafiken erfassbare Erkenntnisse – obwohl auch diese entstehen! – sondern künstlerische Aktionen, bzw. Ideen, die zu solchen Aktionen führen können. 


Zugleich weist das Attribut „künstlerisch“ über das Feld der konkreten Kunst-Aktion hinaus und steht für eine allgemeine Haltung, die uns helfen soll, unser Verhältnis zur menschlichen wie zur mehr als menschlichen Welt respektvoll, zugewandt und wertschätzend zu gestalten. 

Wie das aussehen kann, zeige ich in meinen neuen Seminar- und Vortragsangeboten zu vocal ecotism: 

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What does ‘artistic’ actually mean?

For quite some time now, I have been using the term ‘artistic’ with noticeable frequency in my writings. I speak of artistic research (namely vocal ecotism), of an artistic attitude, an artistic life, artistically motivated approaches and actions within the context of ecological themes, and so on. But what does this actually mean? What am I talking about, or what am I referring to, when I use this term?

In the vocal ecotism research, we have developed a very specific concept of the artistic, which now serves as a general point of reference for me. In order to develop this concept of the artistic, it was necessary first to distinguish ourselves from a different understanding that frequently arises in the public debate on ecological crises. There, it is emphasised that art is so important for the process of a shift in consciousness because it makes scientific findings more accessible, can raise awareness of them, and so on. The ‘artistic’ would then facilitate access to insights derived from the field of science. Whilst this is one possibility, it leads, in my view, to a wholly mistaken distinction, whereby the natural sciences are seen as representing facts and rationality, and the arts, so to speak, the ‘human touch’ – that is, emotional accessibility. In contrast, we regard art as a distinct mode of thinking that plays a role in this process, because it can think about thingsdifferentlyand therefore represent themdifferentlyfrom science or politics. Art is much more than merely a medium for disseminating scientific findings.

A crucial difference between the way the natural sciences and the arts think lies in the fact that the natural sciences regard nature as an object that must be studied without the influence of the observer in order to obtain clear results. Art, in contrast, always regards the person engaging with a subject through artistic research as part of the entire process, in which it is neither possible nor desirable to create a separation between the researching subject and the object being researched. Artistic research subverts this subject/object distinction so typical of modernity and thus opens itself up to aspects of the world that cannot even emerge within the rigorous methodology of the natural sciences. Seen in this light, the artistic approach to research is more comprehensive than the scientific one! And it allows us to make the much-needed adjustment of our human perspective, bringing us back into the context of the Earth and of life!

In the research carried out by vocal ecotism, we have consistently proceeded from an artistic logic. This applied to the questions that interest us, to the researchers’ inner attitude, to the process of collaborative exploration, and to the results we sought to achieve. Among other things, this artistic logic implies that artistic research draws on insights from all fields in which knowledge can be gained and regards them all as equally valid. Consequently, there is no dominance of scientific findings, although these are, of course, incorporated into artistic research. For example, one might consult the latest data on microplastic contamination in North Sea fish and link this to a ‘water dream’ experienced by a member of our group, which emerged following a discussion of the scientific data. Part of the research process involves transferring this equivalence of insights into one’s inner attitude. This requires a certain amount of practice.

The intended outcomes of artistic research are not primarily new insights that can be captured in language or graphics – although these do emerge too! – but rather artistic actions, or ideas that can lead to such actions.

At the same time, the term ‘artistic’ extends beyond the realm of concrete artistic action and stands for a general attitude that is intended to help us shape our relationship with both the human and the more-than-human world in a respectful, engaged and appreciative manner.

I’ll be demonstrating what this might look like in my new seminars and talks on vocal ecotism:

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