English below!
Ich würde gerne ein paar Gedanken teilen, die mir während der Lektüre des neuesten Buchs von Robert Macfarlane mit dem Titel „Sind Flüsse Lebewesen?“ gekommen sind. (Ich habe die englische Version gelesen, d.h. die deutschen Übersetzungen der Zitate stammen von mir.) Außerdem gehe ich am Ende auf ein Zitat des afrikanischen Philosophen Bayo Akomolafe ein. Beide Autoren betonen die Bedeutung des Hörens für den Prozess, mit dem wir eine neue und respektvollere Beziehung zur Welt und allem in ihr aufbauen wollen. Falls das ein Thema ist, dass Dich/Sie interessiert, empfehle ich sehr, das wichtige Buch von Macfarlane zu lesen!
Im Gespräch mit einem Freund, der ihn auf seiner Reise zum und entlang des Mutehekau Shipu, wie der Magpie-Fluss in Kanada in der indigenen Sprache heißt, kommt Macfarlane zu zwei Fragen, die zu unterscheiden sehr wichtig ist. Wer spricht für den Fluss? Was hat der Fluss zu sagen? Die zweite Frage ist sehr viel schwieriger zu beantworten, weil sie eine spezifische Fähigkeit zu hören erfordert. Das ist eine Fähigkeit, die wir ignoriert und vergessen haben, und zwar seit wir aufhörten, Wasser und Erde als lebendige Kräfte zu verstehen und sie zu bloßem Material erklärt haben. Für Jahrhunderte wurde die Idee, ein Baum oder ein Fluss seien eine Gottheit im europäischen und westlichen Kontext so gut wie undenkbar. Material kann nicht singen, sprechen oder handeln. Warum sollten wir ihm zuhören?
Erst seit kurzem beginnen wir zu erkennen, dass wir damit etwas verloren haben, das wir besser wiederfinden sollten.
Macfarlanes Freund drückt es so aus, dass wir „Wege finden müssen, diesen anderen Wesen zuzuhören und mit ihnen zu hören, inklusive der Flussgötter. Und das muss offensichtlich nicht nur in den indigenen Gemeinschaften, unter Künstler*innen, Autor*innen und seltsamen Randfiguren wie uns geschehen, sondern auch bei staatlichen Akteuren, Akteuren der Wirtschaft und der Industrie, der gesamten Besetzung. Bei den Machthabern.“
Aus der Perspektive von vocal ecotism stimmen wir natürlich gerne der Behauptung zu, dass die Künstler*innen zu den Leuten gehören, die am ehesten Wege erkunden, Flüssen, Bäumen und Bergen zuzuhören. Ich frage mich aber, ob es notwendig sein wird, dass alle Mitglieder unserer Gesellschaften, inklusive der „Machthaber“, dieses Hören lernen müssen. Soweit ich unterrichtet bin, sind selbst in indigenen Gemeinschaften nur einige Mitglieder in der Lage – und haben das Recht – in einen tiefen Kontakt mit den nichtmenschlichen Kräften zu gehen. Sicher haben oder zumindest hatten dort alle indigenen Bewohner ein starkes Verständnis für die lebendigen Kräfte, von denen sie umgeben waren. Doch nur einige wenige waren in der Lage, auf diese spezielle Weise, die Macfarlane im Sinn hat, zu hören. Die anderen wussten um diese spezielle Fähigkeit, hörten deshalb auf ihre spirituellen Führungspersonen und nahmen ernst, was sie von ihnen erfuhren.
Vielleicht werden es in unserer Gesellschaft hauptsächlich die Künstler*innen sein, die lernen, diese Kräfte zu hören, den Prozess des Hörens kommunizieren und ihren Gemeinschaften mitteilen, was sie gehört haben. Warum gerade Künstler*innen? Weil sie (noch) einen relativ offenen Zugang zu einer großen Bandbreite von Realitäten haben. Nicht nur zur wissenschaftlichen oder der politischen Realität, der religiösen oder der zur sogenannten Natur. Künstler sein bedeutet (für einige von uns) offen zu sein für so viele Aspekte der Welt wie möglich, inklusive der Traumwelt. Künstler*innen, die mit Stimme und Klang arbeiten, haben zusätzlich noch die Eigenschaft, über verschiedene geschulte Formen des Hörens zu verfügen. Deswegen gibt es für sie eine relativ große Chance, jedem möglichen Klang so zuhören zu lernen, als sei er Gesang!
Doch werden die anderen den Künstler*innen zuhören? Wie können wir dem Ziel näher kommen, dass Kunstschaffende im Kontext der ökologischen Krise ernst genommen werden? Wie können sie die Autorität erlangen, die sie benötigen, um diese spezielle Aufgabe der Vermittlung zwischen Menschen und mehr als menschlichen Welt zu übernehmen?#
Hier taucht eine weitere Frage auf: Wir sind in einer Situation, in der die Welt, der wir zuhören wollen, seit Jahrhunderten von uns verletzt und zerstört wird. Was können wir erwarten zu hören von einer Welt, die so viel durch uns gelitten hat? Darauf habe ich keine Antwort, aber ich möchte ein Zitat anfügen, in dem der Philosoph Bayo Akomolafe auf diese Frage eingeht. (Das Zitat findet sich in dem Buch „Breaking Together“ von Jem Bendell):
Akomolafe sagt, dass wir „uns in Demut üben müssen, um uns auf den Boden zu werfen und anders zuzuhören – unseren Vorfahren zuhören und der Welt um uns herum, die wir in unserem Bestreben, über den Planeten hinauszukommen, als ‚Ressource‘ abgetan und zum Schweigen gebracht haben. Wir müssen uns mit dem Scheitern auseinandersetzen, wir müssen uns in die Risse begeben und tief lauschen.“
Das wird nicht einfach sein. Doch Stimm- und Klangkünstler*innen, so wie Kunstschaffende im allgemeinen, haben womöglich die Chance, diese neue und zugleich alte Form des Hörens zu lernen.
How to Listen to a River and the Earth:
I would like to share a couple of thoughts that emerged while reading Robert Macfarlane's latest book: Is a River Alive?', as well as a short quotation from the African philosopher Bayo Akomolafe. Both authors emphasise the importance of listening in the process of establishing a new, more respectful relationship with the world and everything in it. If you are one of those who also think that establishing this new relationship is crucial for our times, I highly recommend reading Macfarlane's book!
In conversation with a friend who accompanied him on his journey to the Mutehekau Shipu — the original name of the Magpie River in Canada — Macfarlane arrives at a distinction between two questions. Who speaks for the river? What does the river say? The latter is much more difficult to answer because it requires the ability to listen. It is an ability that we have ignored and forgotten ever since we stopped understanding water and earth as living forces and declared them to be mere material. For centuries, the idea that a tree or a river could be a god was far from the mindset of Europe and the so-called West. Material cannot sing, speak or act, so why try to listen to it?
It is only now that we are beginning to realise that we have lost something we better find back.
Macfarlane's friend claims that 'we'll need to find ways of listening to, and with, these other beings – river gods included. And that obviously needs to be happening not just among Indigenous communities, or among artists and writers and fringe-weirdos like us – but also state actors, corporate actors, industrial actors, the whole cast. The power holders.'
From the perspective of vocal ecotism, we agree that artists are among the people who are most likely to explore ways of listening to rivers, trees and mountains. However, I wonder whether it will be necessary for everyone, including the 'power holders', to do the same. As far as I know, even in Indigenous communities, only a few members had the ability, or even the right, to make deep contact with these non-human forces. I am sure that all members of these communities had a strong understanding of the living qualities of the world around them. However, only a select few could listen in the manner that Macfarlane seeks.The others knew about this special ability, listened to their spiritual leaders, and took what they heard seriously.
Perhaps in our societies, it will be mainly the artists who can listen to the forces in the world, and communicate this listening process, along with what they have heard, to their communities.Why artists? Because they still have an open access to a wide variety of realities. Not only the scientific one or the political, the religious or the one towards so called nature. Being an artist means (to some of us) to be open to as much facets of the world as possible, including the dream world. Artists who work with voice and hearing have the extra advantage to be used of different forms of listening already. There is a relatively big chance for them to learn to listen to every sound appearing as if it is singing!
But will others listen to artists? How can we achieve the goal of artists being taken seriously in the context of the ecological crisis? How can they gain the authority they need to take on this special task of transmitting between humans and the more than human world?
And another question is arising: We are in a situation where the world we want to listen to has been wounded by us for centuries. What can we expect to hear from a world that has suffered so much at our hands? I don't have an answer, but I would like to share a quotation from Bayo Akomolafe that he gave at a conference. (I read this passage in a book called „Breaking Together“ by Jem Bendell):
Akomolafe says that we must “humble ourselves enough to fall down to the earth, and listen differently, listen to ancestry, listen to the world around us that we've numbed and muted as ‘resource’, in our attempts to progress beyond the planet. We will need to sit with failure, we will need to sit within the cracks, and listen deeply“.
This will not be easy. However, those working with voice and sound, as well as artists in general, may have a chance to find this new, and old, way of listening.
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