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Das Konzert von Vesna in Köln am 20.11.2025 im Konzertraum von 674FM
Vesna ist das ukrainische Wort für Frühling und unter diesem programmatischen Namen arbeiten die ukrainisch-deutsche Sängerin Mariana Sadovska, der Drummer Christian Thomé und seit neuestem der Gitarrist Matthias Kurt gemeinsam mit dem Sounddesigner Markus Braun in einem musikalischen Projekt, das sich auf ziemlich faszinierende Weise weiter entwickelt. Begonnen hat es, soweit ich mich erinnere, damit, dass die Gruppe traditionelle ukrainische Gesänge, die Mariana Sadovska selbst bei Reisen durch das Land gefunden und aufgenommen hat, in einen zeitgenössischen, an experimentelle Musik grenzenden Klangraum integriert haben. Das hat überraschend gut geklappt und jede Assoziation an „Weltmusik“ – ein meiner Ansicht nach extrem problematischer Begriff – war weit entfernt.
In ihrem neuen Programm, das sie bei dem Konzert in Köln vorgestellt haben, ist der Schwerpunkt verschoben, und zwar auf die Arbeit mit Gedichten von meist ukrainischen Autor*innen. Viele der Texte sind in den Jahren des Krieges, in den die Ukraine von Russland gezwungen wurde, entstanden, einige andere stammen aus der Zeit des ersten und zweiten Weltkriegs. Das ist kein einfacher Stoff. Vesna versucht offenkundig, diesen Texten voll Trauer, Verzweiflung, Wut und manchmal Hoffnung einen musikalischen Kontext zu geben, der die Gedichte auf der einen Seite vielleicht noch stärker macht und auf der anderen dafür sorgt, dass man die Texte hören will und dazu, ohne in Depression zu verfallen, in die Lage gesetzt wird.
Das interessiert mich sehr, denn in meiner eigenen Arbeit bin ich immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob und gegebenenfalls wie man lyrische Texte in musikalische bzw. in meinem Fall stimmkünstlerische Zusammenhänge bringt, ohne sie zu überfrachten und/oder als bloßes Material zu nutzen.
(Der stimmkünstlerische Teil wird im Konzert von Vesna auf wunderbare Weise durch Mariana Sadovska abgedeckt, die nicht nur viel kann, sondern auch ein großartiges Gespür dafür hat, wann welche der Stimmqualitäten, die ihr zur Verfügung stehen, musikalisch-künstlerisch angemessen sind.)
Im Umgang mit Lyrik werden jede Künstlerin und jeder Künstler, die sich fremder Texte bedienen, selbst zum/zur Dienenden. Die Frage, wie ich mit dem, was ich hinzufüge, dem Text dienen kann, muss immer mit im Raum sein. Womit ich nicht ausschließen will, dass man Zitate aus Gedichten nimmt und in einen ganz anderen Kontext stellt. Das ist ein Vorgehen, das ich manchmal in Projekten wähle. Etwa in meinen „Anrufungen der Elemente“, in denen solche Zitate vorkommen.
In der Arbeit mit Rilkes „Sonetten an Orpheus bin ich einen anderen Weg gegangen. In der ersten, zwanzig Jahre zurückliegenden Phase der Beschäftigung mit diesem seitdem lebensbegleitenden Text habe ich gemeinsam mit der Stimmkünstlerin Agnès Tuvache eine zweisprachige Version entwickelt, die fast durchgehend von freien stimmlichen Interventionen begleitet wurde. Mittlerweile bin ich mir nicht mehr so sicher, ob das ein guter Weg ist, mit den Sonetten umzugehen. Die Performances waren zwar gar nicht schlecht, und diese Art der Auseinandersetzung hat mein Verständnis oder besser meinen inneren Kontakt mit dem Text sehr bereichert. Aber sind andere Leute dadurch den Sonetten näher gekommen? Ich weiß es nicht. Mittlerweile rezitiere ich die Sonette ohne irgendwelche Begleitung und lehne jede musikalische oder stimmliche Untermalung für diese Rezitationen ab.
Ein weiteres Beispiel, in dem ich dem Einsatz der freien Stimme mit weniger Zweifel begegne, ist meine Arbeit mit einem Gedicht von D.H. Lawrence „Not I not I but the wind“, das ich sozusagen mit der Öffnung für meine ganze Stimme, sofern ich innerlich mit Text und dem Thema Wind verbunden bin, rezitiere oder performe. Doch auch in diesem Fall kann ich mich fragen, ob die Besucher*innen einer der Performances oder die Hörer*innen der Versionen, die im Netz zugänglich sind, dadurch dem Gedicht näher kommen, oder ob das nur eine Wirkung ist, die sich bei mir, also dem Ausführenden einstellt. Immerhin, könnte man sagen….
Ein Konzert ist keine Lesung mit musikalischer Begleitung. Es gibt also auch noch ein paar andere Fragen und Vorstellungen, die über die Beschäftigung mit den Gedichten hinausgehen. Vesna geht diese komplexe Situation auf sehr überzeugende Art an. Sie dienen den Texten, aber bedienen nicht einfach, was in ihnen steht. Da wird zum Beispiel ein Gedicht voller Wut zu einem harten Dancefloor-Trip und die Trauer eines anderen Gedichts zu einem fast tranceartigen Soundspace. Außerdem gelingt es der Gruppe, die Aufmerksamkeit immer wieder von den Texten auf die Musik und die Klänge zu lenken, einmal auf die klassische Weise mit Soli, die aber zum Glück vergleichsweise selten auftauchen und dann über die Arbeit mit relativ komplexen Rhythmen und dem freien (?) Zusammenspiel der drei Musiker*innen. Das ist sehr überzeugend und im Ergebnis oft faszinierend. Ich vermute, die Balance zwischen Text, Musikalität und Klanglichkeit wird bei jedem Konzert und wahrscheinlich sogar jedem Stück immer wieder neu gesucht und gefunden werden müssen. Das macht den großen Reiz von Vesna aus.
Zum Schluss ein Wort zu meinem Titel für diesen kleinen Kommentar. Vesna ist zugleich Beitrag zu und Hommage an die poetische Verteidigungslinie in der Ukraine. Das Konzert zeigt auf eindrückliche und berührende Weise, wie lebendig die Poesie und die Kunst in der Ukraine gerade sind und welch großen Beitrag sie leisten, um trotz der verzweifelten Lage weiterzumachen. Ich weiß, ein Gedicht kann keine todbringende Drohne abwehren, aber sie kann die Angst vor ihr verwandeln: in Widerständigkeit und Kraft. Die poetische Verteidigungslinie hält – auch durch Konzerte wie das von Vesna in Köln.
On the Poetic Line of Defence:
Vesna's concert in Cologne on 20 November 2025
Vesna is the Ukrainian word for spring. Under this programme name, Ukrainian-German singer Mariana Sadovska, drummer Christian Thomé, and most recently, guitarist Matthias Kurt, are collaborating with sound designer Markus Braun on a fascinating musical project. As far as I can recall, they began by integrating traditional Ukrainian songs, which Sadovska herself had found and recorded while travelling through Ukraine, into a contemporary soundscape bordering on experimental music. This worked surprisingly well, moving far beyond any association with 'world music' – a term I find extremely problematic.
In their new programme, which they presented at the concert in Cologne, the focus has shifted to working with poems by mostly Ukrainian authors. Many of the texts were written during the years of war in which Ukraine was forced into by Russia, while others date from the First and Second World Wars.
This is not easy material. Vesna clearly attempts to give these texts, full of grief, despair, anger and sometimes hope, a musical context that perhaps makes the poems even more powerful on the one hand, and on the other hand ensures that one wants to hear the texts and is able to do so without falling into depression.
This interests me greatly, because in my own work I am constantly confronted with the question of whether and, if so, how lyrical texts can be incorporated into musical contexts or, in my case, vocal -artistic contexts, without overloading them and/or using them as mere material.
(The vocal art part is wonderfully covered in Vesna's concert by Mariana Sadovska, who not onlycan do a lot, but also has a great sense of when which of the vocal qualities at her disposal are musically and artistically appropriate.) When dealing with poetry, every artist who uses foreign texts becomes a servant themselves. The question of how I can serve the text with what I add must always be present. That said, I don't want to rule out taking quotations from poems and placing them in a completely different context. That's an approach I sometimes choose in projects. For example, in my ‘Elemental Callings’, which contain such quotations.
In my work with Rilke's ‘Sonnets to Orpheus’ that started about 20 years ago, I took a different approach. In the first phase of my engagement with this text, that has now become a lifelong companion, I worked with the voice artist Agnès Tuvache to develop a bilingual version that was accompanied almost throughout by free vocal interventions. Now I'm no longer so sure that this is a good way to deal with the sonnets. The performances weren't bad at all, and this kind of engagement greatly enriched my understanding, or rather my inner connection with the text. But did it bring other people closer to the sonnets? I don't know. I now recite the sonnets without any accompaniment and reject any musical or vocal background to these recitations.
Another example that I encounter with less doubt is my work with a poem by D.H. Lawrence, 'Not I not I but the wind,' which I recite or perform, so to speak, with my whole voice, insofar as I am inwardly connected to the text and the theme of wind. However, even in this case, I must ask myself whether this brings visitors to my performances or listeners to my online recordings closer to the poem, or if this effect only occurs in me, the performer. At least, one could say...
A concert is not a reading with musical accompaniment. So there are also a few other questions and ideas that go beyond the poems themselves. Vesna approaches this complex situation in a very convincing way. They serve the texts, but do not simply feed what is written in them. For example, a poem full of anger becomes a hard dancefloor trip, and the sadness of another poem becomes an almost trance-like soundscape. In addition, the group succeeds in repeatedly shifting the focus from the texts to the music and sounds, sometimes in the classical manner with solos, which fortunately occur relatively rarely, and then through the use of relatively complex rhythms and the free (?) interplay of the three musicians. This is very convincing and often fascinating in its result. I suspect that the balance between lyrics, musicality and sound will have to be sought and found anew at every concert and probably even every piece. That is what makes Vesna so appealing.
Finally, a word about the title of this short commentary. Vesna is both a contribution to and a tribute to the poetic line of defence in Ukraine. The concert shows in a very moving way how alive poetry and art are in Ukraine at the moment and what a great contribution they make to keeping things going despite the desperate situation. I know that a poem cannot ward off a deadly drone, but it can transform the fear caused by it into resistance and strength. The poetic line of defence holds firm – concerts like Vesna's in Cologne support the line in their own and fascinating way.
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