03.07.2023


English in green!


Soirée und/and Lecture Performance gehalten am/held at

27.6.2023 in Köln

eine Video-Aufnahme gibt es hier/

here you can watch the video:





In diesem Beitrag werde ich ein paar Ergebnisse meiner Recherchen im Feld der Chorded Sounds, einem besonders faszinierenden Bereich der menschlichen Stimme, vorstellen. Der Text, der hier zu lesen ist, beruht auf einer lecture performance, die ich im Juni 2023 in Köln gehalten habe. Die Klangbeispiele stammen zum Teil aus der originalen Aufnahme, zum anderen Teil sind sie bei anderen Gelegenheiten entstanden. 

Ich beginne mit zwei kleinen Suchbewegungen in das Feld der Chorded Sounds. Die Stimmklänge befinden sich in den Grenzbereichen zumindest meiner Stimme. Es ist nicht genau vorherzusagen, was ich finde und wie lange meine Stimme mitmacht. Bei der Lecture-Performance war meine Stimme relativ angespannt, wahrscheinlich wegen des Publikums. Dadurch war ein Teil der Stimme nicht so beweglich, wie ich es gewohnt bin und ich hatte Schwierigkeiten, in einige Klangbereiche hinein zu kommen. Dafür hat sich allerdings klanglich anderes gezeigt. Das ist das Spiel!


In this blogpost I will present some results of my research into the Chorded Sounds, an especially fascinating part of the human voice. This text emerged from a lecture performance that I gave in June 2023 in Köln. The recordings are partly from this lecture performance but two are produced at other moments. 

I'm starting with two small search movements into the field of Chorded Sounds, which is the subject of this lecture-performance. The vocal sounds are in the edge areas of at least my voice. It is not possible to predict exactly what I will find and how long my voice will be able to take part. During the lecture performance my voice was relatively tight, probably because of the audience in the studio. Therefor a part of my voice was not as flexible as usual and I had some difficulties to enter some regions of my voice. But then some others occurred. That is the game.

Video abspielen

zwei Suchbewegungen / search into chorded sounds

In der derzeitigen Arbeit mit dem Ansatz von Alfred Wolfsohn und Roy Hart gibt es eine starke Orientierung an der Idee der Befreiung der Stimme. Die Stimmarbeit hat demnach das Ziel, die eigene Stimme so weit wie möglich von Beschränkungen befreien, die es ihr nicht gestatten, das Feld all ihrer klanglichen Möglichkeiten lebendig zu machen und zu halten. Die freie Stimme wird verstanden als in erster Linie frei von Hemmnissen, die sich aus persönlichen und kulturellen Bedingungen ergeben, denen der Mensch mit seiner Stimme in seinem/ihrem Leben ausgesetzt war. 


In the work currently being done with the approach of Alfred Wolfsohn and Roy Hart, there is a strong orientation towards the idea of liberating the voice. This Voice work aims to free our own voices as much as possible from restrictions that do not allow them to make and hold the field of all their vocal possibilities alive. The free voice is understood as first and foremost free from obstacles resulting from personal and cultural conditions to which the person with his/her voice has been exposed in his/her life.


Ich verfolge in meiner Arbeit das gleiche Ziel. Befreiung ist ein Schlüsselbegriff für mein Verständnis der menschlichen Stimme. Doch es gibt neben der Befreiung von den genannten Beschränkungen noch eine andere Dimension der Stimmentfaltung, die mit dem Begriff der Freiheit nicht richtig erfasst werden kann. Die befreite Stimme hat die Möglichkeit zu einer Stimmkunst, die sich aus der Befreiung allein nicht ergibt. Roy Hart und andere Stimmkünstler aus seiner Gruppe haben in jahrelangem Training eine Kunstfertigkeit entwickelt, die der von klassischen Sängern und Sängerinnen in nichts nachsteht und zugleich eine ganz andere stimmliche Ästhetik anstrebt. 


I follow the same purpose in my work. Liberation is a key concept in my understanding of the human voice. But there is another dimension besides liberation from the mentioned limitations that cannot be properly understood by the concept of freedom. The liberated voice has the possibility of a vocal art that does not emerge from liberation alone. Roy Hart and other voice artists from his group have developed an artistic skill over years of training that is in no way inferior to that of classical singers and at the same time strives for a completely different vocal aesthetic.


Dazu gehören die Bereiche der broken sounds, also Stimmklänge, die klassisch betrachtet nicht sauber klingen, sondern Nebengeräusche transportieren. In unserer Idee der Stimmkunst sind es oft diese Nebengeräusche, die ins Zentrum gerückt werden. Dann gibt es den Bereich der Chorded Sounds, einem Phänomen, das zu den besonders faszinierenden Stimmklängen gehören, die von Menschen gemacht werden können. 


This includes the areas of broken sounds, i.e. vocal sounds that, classically speaking, do not sound clean, but convey background noise. In our idea of vocal art, it is often these background noises that are placed in the centre. Then there is the area of Chorded Sounds, some of the particularly fascinating vocal sounds that can be made by humans.


Wie das in Beziehung zur Freiheit klingen kann, erkunde ich seit langen Jahren in einem Stück mit dem Titel Befreiungsversuche, das schon auf meiner ersten CD momentaufnahme Arrow Right Long erschienen ist. 

Unten die kurze Version, die ich während der lecture-performance gemacht habe:


How this can sound in relation to freedom I explore since years in a piece that has the title attempt of liberation. This piece was already on my first CD momentaufnahme Arrow Right Long . Below the very short version that I have done during the lecture-performance:

Befreiungsversuche/attempt of liberation

Es handelt sich bei den Chorded sounds um Stimmklänge, bei denen man zur gleichen Zeit in einer Stimme mehrere Klänge hören kann, ohne dass es dabei um Obertöne geht. Roy Hart hat ein paar meisterliche Aufnahmen dieser Chorded Sounds oder multiphonics hinterlassen. (Ich bevorzuge den Begriff Chorded Sound, weil multiphonische Stimmen meist Klänge bezeichnen, bei denen Obertöne die Vielstimmigkeit erzeugen. Zugleich ist der Begriff chorded sounds offenbar außerhalb des Roy Hart Ansatzes völlig ungebräuchlich. Chorded kommt von Chord, also von Akkord und damit ist darauf hingewiesen, dass in den Stimm-Klängen mehrere Töne zu hören sind. Allerdings muss der so entstehende Akkord kein harmonischer sein.)

Der Übergang von broken zu Chorded Sounds ist fließend. Auch die so genannten Nebengeräusche sind ja vom Tönenden produziert. 


The chorded sounds are vocal sounds where you can hear several sounds at the same time in one voice, with no overtones involved. Roy Hart has left some masterful recordings of these Chorded Sounds or multiphonics. (I prefer the term Chorded Sound because multiphonic voices usually refer to sounds in which harmonics create the polyphony. Chorded refers to chord and gives the indication that you hear more than one sound in the voice that does a chorded sound. However the chord doesn´t have to be harmonic.)

The transition from broken to Chorded Sounds is fluid. The so-called secondary sounds or background noises are also produced by the singer.


Mir stellen sich jetzt zwei Fragen:


-    Was bedeutet die bewusste Integration der Chorded Sounds auf das Stimmfeld für das Verständnis unserer Stimmarbeit bzw. der Stimmentwicklung in unserem Ansatz?

-    Wie lernt und wie lehrt man Chorded Sounds?


Two questions now occur to me:

- What does the conscious integration of Chorded Sounds on the vocal field mean for the understanding of our voice work and the idea of voice development in our approach?

- How do you learn and teach Chorded Sounds?


Ich beginne mit der zweiten Frage und muss direkt gestehen, dass ich nicht weiß, wie man die Chorded Sounds anderen beibringt. (Deswegen gebe ich die Frage an Euch, also insbesondere die anwesenden Lehrer, weiter.) Gelernt habe ich den Umgang damit auf zwei Weisen, die beide mit hören zu tun haben. Ich habe mir Aufnahmen, vornehmlich von Roy Hart, aber auch von Rossignol (Hollow Man) und ein paar andere sehr oft angehört und meiner Stimme den Raum gegeben, in einer ähnlichen Richtung zu agieren. Das ging aber nur, weil ich in ein paar Einzelstunden unwillkürlich Chorded Sounds gemacht habe und mit Hilfe des zuhörenden Lehrers (Paul) daran arbeiten konnte, sie mit Absicht und Bewusstsein zu wiederholen. Das ist auch die einzige Strategie, die ich je von einem Stimmlehrer oder -lehrerin aus unserer Tradition gelernt habe und die ich mittlerweile auch ohne zuhörenden Lehrer für mich anwenden kann.  



I'll start with the second question and must confess immediately that I don't know how to teach Chorded Sounds to others. That's why I'm passing the question on to you, especially the teachers here. I learned how to use them in two ways, both of which have to do with listening. I listened to recordings, mainly by Roy Hart, but also by Rossignol (hollow man) and a few others, very often and then gave my voice the space to act in a similar direction. But that only worked because I made Chorded Sounds involuntarily in a few individual lessons and with the help of the listening teacher (Paul) I was able to work on repeating them with intention and awareness. This is also the only strategy I have ever learned from a voice teacher from our tradition and which I can now use for myself without a listening teacher.  

I am Dionysus (Zitat/Quotation Roy Hart)

Allerdings ist es nicht immer mein Ziel, einen speziellen Stimmklang wiederholbar zu machen. Das ist zwar manchmal der Fall, z.B. in dem Zitat aus Roy Harts Soul Portrait. Ich denke aber nicht so sehr als Musiker, der eine musikalische Phrase jedes Mal so genau wie möglich wiedergeben will, sondern als Performance Künstler, der mehr daran interessiert ist, in bestimmte Bereiche der Stimme einzutauchen, in denen dann auch Unvorhersehbares passieren kann. (Die Befreiungsversuche sind genau auf der Grenze dieser beiden Möglichkeiten angesiedelt.) 


However, it is not always my aim to make a particular vocal sound repeatable. That is sometimes the case, for example in the quote from Roy Hart's soul portrait. But I don't think so much as a musician who wants to reproduce a musical phrase as accurately as possible every time, but as a performance artist who is more interested in diving into certain areas of the voice where the unpredictable can happen. (The attempts of liberation are located exactly on the edge of these two possibilities).


Zur ersten Frage. Auch hier habe ich nur einige persönliche Antwortversuche zu bieten, die vielleicht ein Gespräch über das Thema in Gang bringen. 

Meiner Ansicht nach kommt es durch die Integration der Chorded Sounds zu einer Verschiebung des Schwerpunktes in unserer Arbeit, und zwar ein wenig weg von der Fokussierung auf Freiheit und Befreiung. 

Denn anders als bei der Öffnung des Stimmhöhenumfangs, der in erster Linie durch Befreiungsstrategien gelingt, komme ich bei Chorded Sounds mit Befreiung alleine nicht sehr weit. Ich muss den Fokus auf einen anderen Aspekt setzen, der für Roy Hart, soweit ich ihn verstehe, genauso essentiell war wie die Freiheit. Nämlich die Bewusstheit für das was ich da gerade tue. Die spielt natürlich immer eine Rolle, aber in der Erforschung der Chorded Sounds muss ich noch stärker mit diesem Aspekt arbeiten als bei anderen stimmlichen Themen. 

Die Verschiebung des Schwerpunktes von der Freiheit zur Bewusstheit ist für mich auch eine Bewegung hin näher zur Kunst. 


To the first question. Again, I have to offer only a few personal attempts at an answer that might get a discussion started on the topic. 

In my view, there is a shift of emphasis in our work through the integration of Chorded Sounds: we move a little away from a focus on freedom and liberation. 

Because in contrast to opening up the vocal range, which is primarily achieved through liberation strategies, with Chorded Sounds I don't get very far with liberation alone. I have to focus on another aspect that was just as essential to Roy Hart, as far as I understand him, as freedom. Namely, the consciousness for what I am doing. It always plays a role, of course, but in the exploration of Chorded Sounds I have to work with this aspect even more than in other vocal issues. 

For me, the shift in focus from freedom to awareness is also a movement towards art.


Ein weiteres Thema ist das Verhältnis von Chorded Sounds und Emotionen. In unserem Ansatz werden Stimme und Emotion ja sehr eng beieinander gesehen. Ich rede statt von Emotion lieber von innerer Situation, zu der neben den Emotionen auch andere Stimmungen, Bilder, Erinnerungen usw. gehören. Welche Rolle spielt die innere Situation bei der Entdeckung und Erforschung der Chorded Sounds?  


Another issue is the relationship between Chorded Sounds and emotions. In our approach, voice and emotion are seen very close to each other. Instead of emotion, I prefer to talk about the inner situation, which includes not only emotions but also other moods, images, memories, etc. What role does the inner situation play in the discovery and exploration of Chorded Sounds? 


Mir fällt es schwer, die Chorded Sounds, die ich in meiner Stimme finde, mit emotionalen Qualitäten zu verbinden. D.h. die große Nähe der stimmlichen Aktion mit den Emotionen muss aus meiner Erfahrung heraus relativiert werden. Die Suche nach Chorded Sounds gelingt nur sehr selten, wenn ich mit emotionalen Situationen beginne oder in einem entsprechenden Stimmklang die emotionale Färbung suche.

Die Orientierung liegt viel eher zuerst auf der Klanglichkeit und dem Körperbezug. Und erst, wenn ich die Sounds gefunden und wiederholbar gemacht habe, kommt die Frage auf, für welche künstlerischen Situationen sich die Klänge anbieten. 


I have difficulty connecting the Chorded Sounds that I find in my voice with emotional qualities. I.e. the great closeness of the vocal action with the emotions has to be put into perspective at least in my experience. The search for Chorded Sounds only very rarely succeeds when I start with emotional situations or look for the emotional colouring in a particular vocal sound.

The orientation is much more on the sound and the body reference at first. And only when I have found those sounds and was able to repeat them, does the question arise for which artistic situations the sounds can be used.


Und dann finde ich für mich Bilder, Gestalten, Figuren, die meist aus einem bestimmten Bereich stammen. Für die Chorded Sounds scheint nämlich im besonderen Maße zu gelten, was im Prinzip für alle extremen Bereiche der Stimme gilt: Die Stimmen passen am besten zu eher außermenschlichen Figuren: Göttern, Geistern, Tierwesen. Oder zu extremen Situationen. 

Ähnlich wie bei anderen eher extremen Klangfeldern der Stimme bieten sich Chorded Sounds nicht unbedingt für die Darstellung alltäglicher menschlicher Zustände an. Auch bei den Beispielen von Roy Hart oder Rossignol, geben die Chorded Sounds eher außermenschlichen Wesen eine Stimme. 


And then I find images, figures, characters that usually come from a certain area. For the Chorded Sounds it seems to be particularly true what in principle applies to all extreme areas of the voice: the voices fit best to rather extra-human figures: gods, spirits, animal beings. Or to extreme situations. 

Similar to other rather extreme fields of the voice, Chorded Sounds do not necessarily offer themselves for the representation of everyday human conditions. In the examples of Roy Hart or Rossignol, Chorded Sounds give voice to extra-human beings, too.


Ein anderer Bezugspunkt liefert die Idee der Naturgewalten. 

Einige meine WIND-Voices arbeiten mit Chorded Sounds. Ansonsten ist mein Versuch im Rahmen der Performance Art die ganze Stimme inklusive den Chorded Sounds ins Spiel zu bringen, nicht an Figuren oder Gestalten orientiert, sondern an Situationen, deren Bedingungsgefüge so klar strukturiert sein muss, dass ich der Stimme erlauben kann, sozusagen mit meiner Hilfe in den verschiedenen Feldern zu agieren. (Beispiel GG-Performance, bei der ich mich mit einem Schlüsselbegriff aus den Grundrechten des GG in Kontakt und aus diesem Kontakt die Stimme in Bewegung bringe.) 



Some of my WIND-voices work with Chorded Sounds. My attempts to bring the whole voice, including the Chorded Sounds, into action within the framework of performance art are also not oriented towards characters or figures, but towards situations whose structure of conditions must be so clearly established that I can allow the voice to act with my help, so to speak, in the various fields. 

zwei Beispiele für WIND-voices mit Chorded sounds/

two examples of WIND-voices with Chorded Sounds:


Wind-Voice No 11 Arrow Right

Wind Voice No 12Arrow Right


Alle/All WIND-Voices Arrow Right

(In der lecture performance habe ich an dieser Stelle eine kleine performative Aktion gemacht, bei dem ich einen gefundenen Tierknochen zu Hilfe nehme, um in stimmlichen Kontakt zu kommen. Das kann man im Video nachhören.

In the lecture performance I have done at that moment a short performative action, with a animal bone that I found a while ago. You can see and hear this action in the video.)


Kleines vorläufiges Fazit:

Chorded Sounds sind also für uns als Stimmkünstler*innen und als Stimmlehrer*innen eine große Herausforderung. Vielleicht stellen sie den Anteil der menschlichen Stimme dar, der am weitesten aus den mehr oder weniger konventionellen stimmkünstlerischen Feldern wie dem musikalischen Gesang, dem Rezitieren und dem Konversationstheater heraus führen und die Frage neu stellen: Was ist Stimmkunst für uns?


A small preliminary conclusion:

Chorded sounds are a great challenge for us as voice artists and as voice teachers. Perhaps they represent the part of the human voice that is leading the longest way out of the more or less conventional vocal art fields such as musical singing, recitation and conversational theatre and pose the question again: What is vocal art for us?

10.03.2023

die deutsche Version gesprochen:

Vorbemerkung


Von Zeit zu Zeit ist es gut, für einen Moment in der eigenen Arbeit innezuhalten und zu überprüfen, wo man auf seinem Weg gerade unterwegs ist. Welche Etappe habe ich hinter mir? In welche Richtung geht es weiter? 

Für diese Selbstvergewisserung bietet sich ein Format an, das einen gewissen Grad von Vereinfachung erfordert, um dadurch genügend Klarheit zu bringen, um für die nächste Etappe vorbereitet zu sein. Dieses Format heißt Manifest. 

Hier also mein stimmfeld-Manifest 2023:

Foreword


From time to time it is helpful to take a stop on your path and to check where you are on your journey. Which steps have I taken? In which direction will I continue to move? 

For this consideration, one format can be used that requires a certain degree of simplification in order to bring enough clarity to be prepared for the next stage. This format is called a manifesto. 

So here is my stimmfeld manifesto 2023: 

Warum Stimme? Warum Stimmkunst?

Ein Manifest von stimmfeld/Ralf Peters



Etwas Kraft, Flug, Muth, Künstlerschaft mehr: und sie würden hinaus wollen, - und nicht zurück! –


                                                                                                                                                                                                                        Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse, 

Erstes Hauptstück, 10. (S. 24)



These: Die grundlegendste – und damit tiefste – Aufgabe unserer Zeit besteht darin, Wege zu finden, auf denen sich die großen Errungenschaften der Moderne mit den verloren gegangenen Stärken und Qualitäten der "Alten" in einer neuen Lebensform zusammenfinden, ohne die zerstörerischen und beschränkenden Wirkungen der Vergangenheit und der Gegenwart mit im Gepäck zu tragen. 

Dieser Ansatz unterscheidet sich grundlegend von den Fortschrittsideologien der vergangenen drei bis vier Jahrhunderte, die glaubten, das Neue sei per se besser als das Alte und der neue Mensch könne nur befreit vom Ballast der Tradition entstehen. Er unterscheidet sich auch von alten und vormodernen Konzepten, die nur das alte, oft teilweise verloren gegangene Wissen als das wahre Wissen betrachten. 

Und er unterscheidet sich erst recht von den reaktionären Ideologien, die in der Rückwendung zur Vergangenheit den Weg zum Heil zu sehen glaubten. 

Die größte Hoffnung, den Weg zu einer Synthese des Guten aus Tradition und Moderne zu ebnen, liegt in der Kunst. Neben vielen anderen Möglichkeiten und Ausprägungen hat die moderne Kunst Zugang zur Geschichte mit all ihren künstlerischen Ausdrucksformen, bei denen sie sich bedienen kann. Und zugleich ist die Kunst Ausdruck unserer Zeit und in ihren reflektierten Spielarten als erste in der Lage, sich mit den Verwerfungen und Chancen der Moderne auseinanderzusetzen. 

Die Stimme, als anthropologische Konstante und Metapher, die seit den frühesten Anfängen der Menschheit mitbestimmt, was Menschsein bedeuten kann, liefert die Blaupause für die formulierte Aufgabe der Gegenwart. 

(Wenn von Stimme die Rede ist, geht es genau genommen um das fein aufeinander abgestimmte System von Stimme und Gehör. Alle stimmlichen Funktionen und Qualitäten entstehen erst in dem Miteinander von hören und tönen. Die Art wie Stimme und Gehör aufeinander bezogen sind, ist im sinnlichen Aufbau des Menschen einzigartig.) 

Die Stimme ist für alle Zeiten und für fast alle Menschen ein integraler Bestandteil der Lebensformen gewesen, die sich in den verschiedensten Kulturen ausgeprägt haben. Sie ist das Allgemeinste des Menschen, das über den einzelnen Menschen hinausweist und noch vor der Zuordnung von Menschen in verschiedene Sprachgruppen liegt. Gleichzeitig ist sie in ihrer personalen Individualität unverwechselbar. Sie steht für Gemeinschaft und für die Einzelnen. Sie schafft Gemeinsamkeit und Eigenständigkeit. Sie ist immer schon da und wandelt sich ständig. Sie ist im Klang immer bei den anderen und zugleich bei mir. 

Stimme und Stimmklang sind nicht nur in so gut wie allen spirituellen Traditionen Teil der Praxis, sie gehören auch in allen Kulturen zu den ersten Medien des rituellen und künstlerischen Ausdrucks.

Die Stimme ist zugleich alt und in jedem Stimmklang erneuert. Sie weist auf die Geschichte und in die Zukunft. Aber sie hält beides nicht fest, sondern erklingt und vergeht im Gegenwärtigen. 

Die künstlerische Aufgabe, die Errungenschaften der Tradition und der Moderne so miteinander in Harmonie und Balance zu bringen, dass sie zu einer Form des guten Lebens führen, muss sich nicht unbedingt direkt auf das Phänomen der menschlichen Stimme beziehen. Doch bei ihr kann sie lernen, was es heißt, die eigene Geschichte als Prägung zu bejahen, die man nicht abwerfen kann und sich von dort aus ins Neue und Offene zu bewegen. 

Dafür bedarf es einer Bereitschaft, das Menschsein von der Stimme her zu erforschen und zu befragen. Wir müssen die Vorstellung aufgeben, schon genau zu wissen, was die Stimme ist und darstellt. Es hilft nicht, nur an neuen, noch effektiveren Stimmentwicklungs- und Trainingsansätzen zu arbeiten. Die Stimme ist ein offenes Feld. Wir haben gerade erst angefangen, sie in ihrer Kraft und Bedeutung als anthropologische Konstante zu entdecken. Die Entdeckungsreise wird eine künstlerische sein. Damit kann es gelingen, die Menschheit aus den spätmodernen und spätkapitalistischen Verwerfungen herauszuführen, ohne in die Zwänge und Einschränkungen vormoderner Gesellschaften zurückzufallen. 


Damit das Vorhaben eine Chance hat, wird es nötig sein, einschränkende Vorstellungen von der menschlichen Stimme aufzugeben und die ganze Stimme mit all ihren klanglichen Möglichkeiten und reziproken Verbindungen zum lebendigen Körper/Seele/Geist-System zu erforschen. Das ist eine Aufgabe, die zugleich in die Vergangenheit früherer Stimmideale als auch in die Zukunft eines umfassenden Verständnisses führt. Den Ansatz dafür liefert die Idee der menschlichen Stimme, wie sie von Alfred Wolfsohn und Roy Hart entwickelt wurde und bis heute von den Lehrer*innen und Künstler*innen des Roy Hart International Voice Center vermittelt wird. Diesen Ansatz weiterzudenken, ist die Aufgabe, die sich stimmfeld gestellt hat. 


Die menschliche Stimme ist im 21. Jahrhundert der Schlüssel für die Öffnung eines Raums, in dem eine menschliche und weniger versehrte Welt entstehen kann. Mit dieser Vermutung im Gepäck erheben wir unsere Stimmen.

Why Voice? Why Voice Art?

A manifesto by stimmfeld/Ralf Peters


                             A little more strength, flight, courage, artistry: and they would head out, - and not back! 

Nietzsche: Beyond Good and Evil, 

first main part, 10 (p. 24)



Thesis: The most fundamental - and thus deepest - task of our time is to find ways in which the great achievements of modernity can come together with the lost strengths and qualities of the "old", in a new way of life, without carrying the destructive and limiting effects of the past and present in our luggage. 

This approach is fundamentally different from the ideologies of progress of the past three to four centuries, which believed that the new was per se better than the old and that the new humanity could only emerge liberated from the ballast of tradition. It also differs from old and pre-modern concepts that only consider the old, often partially lost knowledge as the true knowledge. 

And it is even more different from the reactionary ideologies that believe the path to salvation lay in turning back to the past. 

The greatest hope for paving the way to a synthesis of the good from tradition and modernity lies in art. Among many other possibilities and expressions, modern art has access to history with all the artistic expressions it can draw on. And at the same time, art is an expression of our time and, in its reflected varieties, is the first to be able to deal with the dislocations and opportunities of modernity. 


The voice, as an anthropological constant and metaphor that has helped determine what it means to be human since the earliest beginnings of humankind, provides the blueprint for the formulated task of the present. 

(When we talk about voice, we are talking about the precisely tuned system of voice and hearing. All vocal functions and qualities arise only in the interaction of hearing and sound. The way in which voice and hearing are related to each other is unique in the sensory structure of the human being).

For all times and for almost all people, the voice has been an integral part of the forms of life that have taken shape in the most diverse cultures. It is the most general aspect of being human and points beyond the single woman or man. The voice lies even before the classification of people into different language groups. At the same time, it is unmistakable in its personal individuality. It stands for community and for the individual. It creates commonality and independence. It has always been there and is constantly changing. In sound, it is always with the others and at the same time with myself. 

The voice and the sound of the voice are not only part of the practice in almost all spiritual traditions, they are also among the first vehicles of ritual and artistic expression in all cultures.

The voice is both ancient and renewed in every vocal sound. It points to history and to the future. But it does not hold on to either, but resonates and fades in the present. 

The artistic task of bringing the achievements of tradition and modernity into harmony and balance with each other in such a way that they lead to a form of the good life does not necessarily have to refer directly to the phenomenon of the human voice. But with her, we can learn what it means to affirm our own history as an imprint that cannot be discarded and to move from there into the new and open. 

This requires a willingness to explore and question what it means to be human from the perspective of the voice. We have to give up the idea of already knowing what the voice is and represents. It does not help to only work on new, even more effective voice development and training approaches. The voice is an open field. We have only just begun to discover it in its power and significance as an anthropological constant. The journey of discovery will be an artistic one. This can succeed in leading humanity out of late-modern and late-capitalist dislocations without falling back into the constraints and limitations of pre-modern societies. 


For this project to be given a chance, it will be necessary to abandon limiting notions of the human voice and explore the whole voice with all its sonic possibilities and reciprocal connections to the living body/soul system. This is a task that leads both into the past of earlier vocal ideals and into the future of a full understanding. The approach to this is provided by the idea of the human voice as developed by Alfred Wolfsohn and Roy Hart, and which is still taught today by the teachers and artists of the Roy Hart International Voice Center. To develop this approach further into a contemporary artistic concept is the challenge stimmfeld has taken on. 


In the 21st century, the human voice is the key to open up a space where a more human and intact world can emerge. With this presumption in mind, we raise our voices.

28/01/2023

In den vergangenen Wochen hatte ich die Gelegenheit, mir eine ganze Reihe von Ausstellungen und Museen in Berlin anzuschauen. Hier ein paar Erinnerungsstützen und Notizen zu den Eindrücken, die ich dabei gewonnen habe:



















Mein Highlight war eine kleine Ausstellung im Kupferstickkabinett mit den Schreibmaschinenarbeiten von Ruth Wolf-Rehfeldt, einer Künstlerin, die in der DDR lebte und mit dem Mauerfall und dem damit zeitlich (nicht ursächlich) einhergehenden Abschied der Schreibmaschine aus Büros und Arbeitszimmern, ihre künstlerische Beschäftigung mit dem Thema eingestellt hat. Diese konsequente Haltung findet man auch in ihren Arbeiten wieder. Das sind leise Sachen, die zugleich eine immense Konzentration und grafische Eleganz ausstrahlen. Sehr empfehlenswert! Leider nur noch bis 5.2. zu sehen. 

https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/hannah-hoech-preis-2022 Arrow Right Long



Mehr aus einer privat eingebildeten kulturpolitischen Pflicht heraus habe ich mir das neue Humboldtforum angesehen und auch hier muss ich zugeben, dass das positiv konnotierte Erstaunen das Kopfschütteln in die Ecke gedrängt hat. Lässt man die Albernheiten der Stadtschlossfassade und der Kuppel mit inakzeptablen Schriftzügen kurz beiseite und geht in die ethnologische Ausstellung, dann kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus. Die großzügigen Räume erlauben eine Präsentation dieser wunderbaren Objekte, die nicht nur respektvoll daherkommt, sondern außerdem die zum Teil atemberaubende Schönheit der Sachen zutage fördert. Ich weiß, ich weiß: Postkolonial, Beutekunst usw. Das kann einem die Freude an dieser Ausstellung vermiesen. Doch ich bin vor allem dankbar, dass ich diesen Einblick in die unglaubliche planetarische Vielfalt des gestalterischen Arbeitens gewinnen durfte. Also nichts wie hin, bevor die Sachen aus guten Gründen in ihre Heimatländer zurückgegeben werden und wir wegen des Klimawandels nicht mehr wegen einer Ausstellung durch die Welt fliegen dürfen! (Was ich eh noch nie gemacht habe…)


Im Hamburger Bahnhof wird eine Ausstellung mit Sachen gezeigt, die man eigentlich nicht ausstellen kann: Klangkunst und Musik. Genau genommen zeigt „broken music Vol. 2“ die Bestände des ziemlich legendären Berliner Plattenladens „Gelbe Musik“, der von Ursula Block lange Jahre betrieben wurde und wo man Platten bekam, die von Leuten gemacht wurden, die man eher der Kunst- als der Musikszene zurechnen würde. Da gibt es Einiges zu entdecken und vieles zu hören. Ein paar Installationen u.a. von Hans Peter Kuhn und Christina Kubisch lockern die Reihen von an der Wand hängenden Plattencovern etwas auf. Eine tolle Ausstellung  für Freaks der Klangkunst! Mein Favorit war ein Video über die Chemnitzer (Karl-Marx-Stadt!“) Klang- und Videokunstszene Mitte der 1980er Jahre und den sogenannten Jugendsender DT64, wo die experimentellen Sachen für ein paar Jahre eine Nische besetzen konnten. 

Bis Mai ´23 zu sehen:

https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/broken-music-vol-2/ Arrow Right Long


Vor ein paar Monaten wurde die Neue Nationalgalerie im ikonischen Bau von Mies van der Rohe nach Renovierung wiedereröffnet und dort kann man gerade zwei Ausstellungen betrachten, von denen eine die Probleme moderner Museumsarchitektur und die Auswirkungen auf die Kunst exemplarisch vorführt. 

Die Architektur des Baus ist genau genommen für ein Kunstmuseum völlig ungeeignet. Das Einzige, das man in dem Glasbau ausstellen kann, sind Skulpturen. Jede Zwischenwand stört die für sich so eindrucksvoll wirkende Aura des Gebäudes und zeigt, wie sehr hier die Architektur in Konkurrenz zur Kunst steht, statt ihr zu dienen. Die Ausstellung von Monica Bonvincini ist ein gutes Beispiel für das, was herauskommt, wenn diese Art von Museum bespielt werden muss. Mir liegt nicht viel daran, die Arbeiten von Bonvincini zu kritisieren. Stattdessen stelle ich nur die allgemeine Frage, wer außer der „Kunstszene“ diese Art von aufgeblähten Ausstellungen, die man überall in den überdimensionierten Museumstempeln antrifft, benötigt. Ich jedenfalls nicht. 

https://www.smb.museum/museen-einrichtungen/neue-nationalgalerie/ausstellungen/detail/monica-bonvicini/ Arrow Right Long



Die architektonischen Schwierigkeiten, mit denen die Neue Nationalgalerie zu kämpfen hat, wurden in gewisser Weise dadurch gelöst, dass man in den Keller ein ganz normales Museum eingebaut hat. Und dort wird zur Zeit eine Ausstellung mit dem Titel „Die Kunst der Gesellschaft“ gezeigt; aus den Beständen der Nationalgalerie sieht man Kunst aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, teilweise mit Berlinbezug. 

https://www.smb.museum/museen-einrichtungen/neue-nationalgalerie/ausstellungen/detail/die-kunst-der-gesellschaft/ Arrow Right Long

Das ist sehr eindrücklich, wenn auch etwas überbordend. Da fehlt kaum ein großer Name und einige weniger großen werden schön präsentiert. Herausragend für mich eine kleine Arbeit von Schwitters mit einer Kathedrale, die aus drei Stückchen Holz entsteht. Außerdem eine große Skulptur von Max Ernst mit einer sehr schrägen Kleinfamilie und ein frühes dripping painting von ihm, das, der dort erzählten Geschichte nach, Jackson Pollock auf die Spur gesetzt hat. 

Ein Name, der leider mal wieder fehlt, ist Otto Freundlich, einer der großen vergessenen Künstler, der nie den großen Ruhm abbekam, weil er in seinen Arbeiten gewissermaßen zu konsequent war. Freundlich lebte und arbeitete in Berlin, in Köln, wo er in der Zwischenkriegszeit die Szene rund um seinen Freund Franz Seiwert mit prägte, und in Paris. Dort über-lebte er in den 1930er Jahren in bitterer Armut und zugleich hochgeschätzt von den Kolleg*innen, die mit einer Ausstellung versuchten, ihm die Resonanz zu verschaffen, die er verdient gehabt hätte. Zeugnisse dieser Aktion findet man in einer zur „Kunst der Gesellschaft“ komplementären Ausstellung im Jüdischen Museum: „Paris magnétique“ gibt einen sehr beeindruckenden und bewegenden Überblick über die „Ecole de Paris“ und die Künstlerszene in der damaligen kulturellen Welthauptstadt von Anfang des 20. Jahrhunderts bis 1945 – mit Schwerpunkt auf die jüdischen Künstler*innen.

https://www.jmberlin.de/ausstellung-paris-magnetique Arrow Right Long

Und vergisst dabei Otto Freundlich nicht, der 1943 von den Nazis ermordet wurde – wie so viele andere jüdische Künstler, die in der französischen Metropole Zuflucht gefunden hatten. 

Die Ausstellung ist auffallend gut kuratiert und für sich schon ein guter Grund, mal wieder nach Berlin zu fahren.


accidental sculpturing Berlin 202

18/12/2022

English below

In meinem ersten Stimmbuch „Wege zur Stimme“ habe ich einen längeren Exkurs über die Stimme der Engel geschrieben und dargelegt, wie der ursprünglich große und für menschliche Ohren eigentlich erschütternde Klang der Engel kulturgeschichtlich immer mehr domestiziert und zum bloß schönen Gesang reduziert wurde (Der Gesang der Engel, in: Wege zur Stimme, S.40 – 49. https://www.bod.de/buchshop/wege-zur-stimme-ralf-peters-9783744885232


Was mir damals noch nicht klar war, ist die Verwandtschaft von singen und fliegen, die sich in der Figur des Engels manifestiert. Eine erste Andeutung für die Verbindung dieser beiden Tätigkeiten kam mir, als ich über den schönen Begriff des Lungenflügels nachdachte. Ich war gerade dabei, meine six healing sounds zu praktizieren, einer aus dem chinesischen Qi Gung stammenden Übung, bei der es darum geht, über relativ klar definierte Stimmklänge Bereiche oder Organe des Körpers anzusteuern und durch die mit dem Klang verbundenen Vibrationen zu aktivieren oder zu harmonisieren. Neben diesem rein physikalischen Aspekt besitzt die Übung der Logik des Qi Gung entsprechend geistige und energetische Dimensionen. Die Anerkennung des komplexen Beziehungsgeflechts, in dem die Stimme mit ihren Möglichkeiten im Menschen agiert, ist der Punkt an dem die six healing sounds anschlussfähig an eine Stimmpraxis sind, wie wir sie in der Tradition von Wolfsohn/Hart betreiben.  

Jedenfalls gibt es einen Stimmklang, mit dem man zu den Lungen tönt und in bestimmten Variationen der Übung kann man diesen Prozess durch die Vorstellung eins weißen Lichts, das in die Lunge strömt, unterstützen. Das Weiß, das mir in den Sinn kam, war das eines weißgefiederten Vogels oder eben eines Engels. Und dann war es nicht mehr weit zu der Vorstellung der beiden Lungen als Flügel. Tatsächlich kommt der Begriff ja nicht aus heiterem Himmel (oder doch?), denn die Lungen haben eine Form, die an Flügel erinnert. Bei den meisten Engeldarstellungen in der europäischen Kulturgeschichte wachsen die Flügel aus dem Teil des Rückens, wo sich die Lungen beim Menschen befinden. (Sehr frühe Darstellungen zeigen die Cherubim und Seraphim allerdings oft mit vier oder sechs Flügeln, die teilweise aus der Vorderseite des Körpers wachsen.) Die Figur des Engels steht also für eine Erweiterung der menschlichen Möglichkeiten, die in dem Begriff des Lungenflügels so schön angedeutet ist. Die Luft ermöglicht nicht nur Atem, Leben und Gesang, sondern auch das Fliegen. 

Singen und Fliegen bedürfen der Luft. Engel können beides. Sie fliegen durch den Äther und mit ihrem Gesang bewahren sie den Aufbau der Welt. Rückgebunden an das menschliche Dasein stehen sie für eine Idee von Freiheit, die sich menschlich im Gesang ausdrückt (“You can spread your wings and take to the sky!” Summertime von G. Gershwin). 

Es kommt sehr oft vor, dass Menschen, die in unserer Arbeit Erfahrung von Freiheit in der Stimme machen, die freien Stimmbewegungen mit Bildern von fliegenden Vögeln verbinden. Stimmliche Freiheit scheint eine gewisse Nähe zur Freiheit des Fliegens zu besitzen. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass das verbindende Element die Luft ist, in der sich der Klang ebenso bewegt wie das geflügelte Wesen. Kulturgeschichtlich wird diese Nähe von Flug und Gesang schon von alters her durch die Figur der Engel repräsentiert. Ihr Gesang hält den Kosmos zusammen und ihre Flügel symbolisieren eine Freiheit der Bewegung in den kosmischen Sphären. 

In my first voice book "Wege zur Stimme" (Ways to the Voice) I wrote a long excursus on the voice of angels and explained how the originally great and, to human ears, actually shocking sound of angels was gradually domesticated in cultural history and reduced to mere beautiful singing (Der Gesang der Engel (The Singing of Angels), in: Wege zur Stimme, pp.40 - 49. https://www.bod.de/buchshop/wege-zur-stimme-ralf-peters-9783744885232.).  English version: http://waystothevoice.blogspot.com/2015/07/excursus-song-of-ab.html


What was not yet clear to me at the time was the relation of singing and flying, which manifests itself in the figure of the angel. A first suggestion of the connection between these two activities came to me when I was thinking about the beautiful concept of the German “Lungenflügel”, lung wing – a much more poetic expression than lobe of the lung. I was practising my six healing sounds, an exercise originating in Chinese Qi Gung, which involves using relatively clearly defined vocal sounds to target areas or organs of the body and activate or harmonise them through the vibrations associated with the sound. In addition to this purely physical aspect, the exercise has spiritual and energetic dimensions according to the logic of Qi Gung. The recognition of the complex network of relationships in which the voice with its possibilities operates in the human being is the point at which the six healing sounds are compatible with our voice practice in the tradition of Wolfsohn/Hart.  

In any case, there is a vocal sound with which one sings to the lungs and in certain variations of the exercise one can support this process by imagining a white light streaming into the lungs. The white that came to my mind was that of a white-feathered bird or an angel. And then it was not far to the idea of the two lungs as wings. In fact, the term does not come out of the blue (or does it?), because the lungs have a shape that reminds one of wings. In most depictions of angels in European cultural history, the wings grow out of the part of the back where the lungs are located in humans. (Very early depictions, however, often show the Cherubim and Seraphim with four or six wings, some of which grow out of the front of the body). The figure of the angel thus stands for an expansion of human possibilities, which is so beautifully indicated in the concept of the wing of the lung. Air enables not only breath, life and song, but also flight. 

Singing and flying require air. Angels can do both. They fly through the ether and with their singing they preserve the structure of the world. Linked back to human existence, they stand for an idea of freedom that expresses itself humanly in song ("You can spread your wings and take to the sky!" Summertime by G. Gershwin). 

It happens very often that people who experience freedom in the voice in our work associate the free vocal movements with images of flying birds. Vocal freedom seems to have a certain nearness to the freedom of flying. No wonder, considering that the connecting element is the air, in which the sound moves as well as the winged being. In terms of cultural history, this nearness of flight and song has been represented from time immemorial by the figure of the angels. Their song holds the cosmos together and their wings symbolise a freedom of movement in the cosmic spheres. 

08/12/2022

english below!

Kunst oder Therapie?


Seit den Anfängen der Arbeit mit der Stimme in der Tradition von Alfred Wolfsohn und Roy Hart taucht die Frage auf, ob das was wir da tun Kunst ist oder zumindest auch Therapie. (Im Subtext der Frage ist manchmal zu hören, dass es nach Kunst aussieht, aber eigentlich Therapie ist.)

Die Frage begleitet uns und die Arbeit mit dem Ansatz der Stimmentwicklung nach Wolfsohn/Hart seit den ersten Jahren in London und die erste überlieferte Antwort stammt von Roy Hart, der zu sagen pflegte, dass die kollektive Arbeit des Roy Hart Theatre 51% Kunst und 49% Therapie sei. 

Später haben sich die Antworten geändert und die Generation der Gründungsmitglieder des RHT behaupten in der Regel, keine Therapie zu machen obwohl die Stimmarbeit sehr wohl therapeutische Konsequenzen haben kann. Ein Grund, nicht von Therapie zu sprechen, liegt darin, dass die meisten Lehrer in der Tradition von Wolfsohn/Hart keine ausgebildeten Therapeuten sind und schon aus rechtlichen Gründen nicht sagen dürfen, sie böten Therapien an. 

Wie dem auch sei, all diese abwägenden Antworten auf die Frage nach Kunst oder Therapie haben mich nie zufrieden gestellt. Ich weiß keine bessere Antwort sondern vermute eher, dass das Problem schon in der Frage steckt. Die Alternative von Kunst und Therapie führt in eine problematische Richtung. In vieler Hinsicht ist die Frage falsch gestellt. Unser Ansatz der Beschäftigung mit der menschlichen Stimme ist eher vergleichbar mit Praktiken, die man aus Asien kennt, TaiJii oder Yoga zum Beispiel. Auch da geht es darum, bestimmte Fertigkeiten zu entwickeln, aber die eigentliche Arbeit ist die innere. Die Bewegungen an sich haben kaum eine Bedeutung, wichtig ist es, sie mit der richtigen inneren Haltung durchzuführen. Das körperliche Training ist zugleich und vielmehr ein Geistestraining! Ein Yoga- oder TaiJii-Meister zeigt sich nicht in bloßer Artistik. Er oder sie müssen eine Haltung ausstrahlen, die sie als „Meister*in“ auszeichnet. Auf dem Weg zur Meisterschaft wird sich immer auch die innere Situation und die Befindlichkeit des Menschen ändern. Die Übungen sind eben nicht nur eindimensional auf die Verbesserung bestimmter Bewegungsabläufe gerichtet, sondern strahlen auf alle Aspekte des Menschen aus.  Diese Vorstellung kann man mit einigen Abweichungen auf die Arbeit mit der Stimme übertragen. 

Es gibt noch einen Aspekt. Die Unterscheidung in Kunst und Therapie setzt voraus, dass es sich dabei um zwei voneinander getrennte Bereiche handelt, einen künstlerischen und einen lebenspraktischen, in dem Therapie Hilfestellung leisten kann. Das Roy Hart Theatre hatte es sich zur Aufgabe gemacht, genau diese Trennung aufzuheben und Kunst und Leben als Einheit zu denken. Im RHT ging es um die Frage, wie ein künstlerisches Leben möglich sei. Das verweist auf das berühmte Diktum von Joseph Beuys, nachdem jeder Mensch ein Künstler oder eine Künstlerin ist. Schon bei Beuys war damit nicht gemeint, dass alle anfangen sollten zu malen oder Skulpturen herzustellen. Es ging vielmehr darum, aus einer künstlerischen Grundhaltung sein gesamtes Leben zu führen. 

Für Stimmkünstler ist diese Verbindung von Leben und Kunst von vorneherein gegeben! Denn die Stimme, die wir im sogenannten Alltag verwenden, ist dieselbe, wie die Stimme, die auf der Bühne oder in der Performance erklingt. Wir müssen weder Thema noch Material wechseln, wenn wir uns vom Leben in die Kunst bewegen. Die Stimme bleibt dieselbe und ist dadurch besonders geeignet, die Trennung zwischen diesen Bereichen zu überwinden. Wir sind stimmlich immer schon mit beiden Sphären in Verbindung. Ernst zu nehmen, dass jede vokale Aktion zum Feld des Gesangs gehört, ist die Aufgabe, die sich uns stellt. Eine lebenslange Aufgabe, die aber die Entscheidung zwischen Kunst oder Therapie obsolet macht. 


Postskriptum (12. Dez. 2022)

Dieser Blogbeitrag hat in einer „Roy Hart Voice Work- Facebook Gruppe“ eine sehr spannende Diskussion hervorgerufen und ich möchte als Antwort darauf ein paar meiner Gedanken konkretisieren.

Zuerst einmal war interessant zu erfahren, worauf in den Antworten auf meine Überlegungen nicht eingegangen wurde, nämlich auf meine beiden Vorschläge, den Prozess der Stimmentwicklung eher mit asiatischen Wegen zu vergleichen bzw. die Idee des Roy Hart Theatre, Kunst und Leben in der Stimmarbeit so nah wie möglich aneinander zu führen, ernst zu nehmen und für unsere Zeit zu adaptieren. Die Richtung, die ich einschlagen möchte, um genauer zu klären, was wir da tun, scheint auf keine große Resonanz zu stoßen. Das ist natürlich völlig ok, denn es geht nicht darum, eine gemeinsame Antwort zu finden, sondern sich gegenseitig darin zu unterstützen, jeweils der eigenen Antwort näher zu kommen. (Die Antwort zu haben, ist dann meist kein besonders interessanter Zustand mehr….)


In den Reaktionen auf meinen Blogbeitrag gab es starke Hinweise auf die Parallelen zwischen therapeutischen und kreativen Prozessen, es wurde betont, dass die Frage „Kunst oder Therapie“ insbesondere von der Intention der Agierenden abhängt und vom Fokus, den man in der gemeinsamen Arbeit miteinander klären kann (und sollte). Außerdem wurde gefordert, genauer zu bestimmen, wovon wir denn da reden! All diese Bemerkungen scheinen mir wichtig und richtig zu sein. Ich will hier kurz der letzten Forderung nachgehen und genauer formulieren, wovon ich eigentlich reden wollte. 

Ich beschreibe meine Arbeit mit der Stimme oft mit den Worten, dass ich Stimmbefreiungs- und entfaltungsprozesse begleite und nach den Verbindungen der Stimme zu der tönenden Person und zur Welt suche.

Bei einem dieser Prozesse begleite ich mich selbst! - in einer Art lebenslanger Forschung. Und ich hoffe, dass etwas aus diesem Selbsterfahrungsprozess für die Begleitung anderer Menschen und ihrer Prozesse hilfreich ist. 


Mit dieser Formulierung versuche ich, Begriffe wie Lehrer und Unterricht zu vermeiden, weil sie eigentlich noch nie meinem Selbstverständnis und dem Verständnis dessen, was ich tue, entsprochen haben. Auch die Begriffe Kunst und Therapie kommen noch gar nicht vor. Ich will den Punkt finden, der vor einer solchen Unterscheidung liegt. Für mich hat das damit zu tun, dass ich mich entschieden habe, mich einer Lebenspraxis zu widmen, die von der Stimme und der ihr eigenen Logik geprägt ist. Mein Weg ist der Weg der Stimme, so wie andere Meditation, Yoga, Kung Fu oder Malerei, Gesang oder ein Musikinstrument als Weg wählen. Das ist eine viel tiefgreifendere Entscheidung als Stimmunterricht zu nehmen oder zu geben. Ich glaube, dass die Mitglieder des Roy Hart Theatre eine ähnliche Entscheidung getroffen haben. Nachdem diese Entscheidung gefällt wurde, war die Arbeit in der Küche genauso wichtig für den eigenen Prozess wie die Arbeit auf der Bühne. Die Gesprächsrunden (Rivers) hatten dieselbe Relevanz wie die Proben für das nächste Stück. Die Qualität des Zuhörens war bei der zufälligen Begegnung im Treppenhaus genauso wichtig wie beim gemeinsamen Singen im Duett. 

Ich weiß, die Zeiten des RHT sind vorbei und es gibt unter uns in Malérargues oder sonstwo nichts Vergleichbares. Wir müssen neue Formen finden, der Logik der Stimme zu folgen. 

Vor diesem Hintergrund interessiert mich, wie die Frage, ob das was wir machen Kunst oder Therapie sei – eine Frage, die meistens von Menschen gestellt wird, die unsere Arbeit noch nicht sehr gut kennen –für diejenigen klingt, die sich für eine Lebenspraxis der Stimme entschieden haben. Und da vermute ich weiterhin, diese Frage ist falsch gestellt. 




Art or Therapy

In our work with the voice in the tradition of Alfred Wolfsohn and Roy Hart we often are confronted with the question if the work we are doing is mere art or more therapy. (Often there seems to be a subtext below this question saying that it looks like artistic work but in the end it is therapy.)

This question has accompanied our work since the first years in London and the first answer that has come down to us was from Roy Hart. He used to say that it is 51% art and 49% therapy. 

Later the answer changed and the teachers from the generation who founded the Roy Hart Theatre used to claim that they are not doing therapy although the work has often therapeutic results. Sometimes they add that it is also for legal reasons why they don´t talk about therapy because most of the teacher in this tradition are not trained therapists and don´t have the right to call their work therapy. 

Anyway all these answers aren´t really satisfying for me. I don´t think there is a better answer but the problem lies already in the question. The alternative art or therapy is leading into a difficult direction. It is the wrong question in some perspective. The work we do is more comparable with some Asian practices like TaiJii or Yoga. There you learn certain skills but the main focus is on the inner work and development. A master or a martial artist is someone who not only can do all the movements but does them with an attitude that shows a high quality of mind and heart. On the way to becoming a master, the inner situation and the state of mind of the person will constantly change. The exercises are not only one-dimensionally directed at improving certain movement patterns, but have an effect on all aspects of the human being.  With some modifications, this idea can easily be applied to the work with the voice.

There is another important aspect: The division of art and therapy claims that the work is either positioned in an artistic field or is part of life that can be improved by therapy. This division is exactly what the Roy Hart Theatre wanted to overcome. The idea of their collective work and art was to bring together art and life. To live your life in an artistic manner and to make art with all your life energy. This is close to the famous statement of Joseph Beuys that every man/woman is an artist. For Beuys this didn´t mean that everybody should start to paint or to make sculptures etc. but to live one´s life with an attitude of artistic awareness. 

For voice artists there is even a stronger connection of art and life. The voice we use in so called daily life is the same one that we use on stage or in a performance. We don´t have to change subject or material to move from art or life. We are already in both spheres when we “sing”. The task is just to take the idea serious that every vocal action is singing. If we reach this awareness we are living an artistic life. A lifelong challenge though….. But far from the distinction of art and therapy.


Postscript (12 Dec. 2022)

The blog post above has generated a very exciting discussion in a "Roy Hart Voice Work- Facebook group" and I would like to elaborate on a few of my thoughts in response.

First of all, it was interesting to learn what was not referred to in the responses to my reflections, namely my two suggestions to compare the process of voice development more with Asian ways or to take seriously and adapt for our time the Roy Hart Theatre's idea of bringing art and life as close as possible together in voice work. The direction I would like to take in order to clarify more precisely what we are doing does not seem to encounter much resonance. Of course, that's perfectly okay, because the point is not to find a common answer, but to support each other in coming closer to one's own answer. (Having the answer is then usually no longer a particularly interesting condition....)


In the reactions to my blog post, there were strong references to the parallels between therapeutic and creative processes, it was emphasised that the question "art or therapy" depends in particular on the intention of those acting and on the focus that can (and should) be clarified in the joint work with each other. Furthermore, it was demanded to define more precisely what we are talking about! All these comments seem to me to be important and true. I want to briefly follow up on the last demand here and formulate more precisely what I actually wanted to talk about. 

I often describe my work with the voice by saying that I accompany voice liberation and unfolding processes and search for the connections of the voice to the sounding person and to the world.

In one of these processes I guide myself! - in a kind of lifelong research. And I hope that something from this process of self-exploration is helpful for guiding other people and their processes. 


With this formulation I try to avoid terms like teacher and teaching, because they have never actually corresponded to my self-understanding and understanding of what I do. Also, the terms art and therapy do not come up yet. I want to find the point that lies before such a distinction. For me, it has to do with the fact that I have decided to dedicate myself to a life practice that is shaped by the voice and its own logic. My path is the path of the voice, just as others choose meditation, yoga, kung fu or painting, singing or a musical instrument as their path. It is a much more profound choice than taking or giving voice lessons. I believe that the members of the Roy Hart Theatre made a similar decision. Once that decision was made, working in the kitchen was as important to their own process as working on stage. The rounds of conversations (Rivers) had the same relevance as the rehearsals for the next play. The quality of listening was just as important in the accidental encounter in the stairwell as it was in singing a duet together. 

I know the days of the RHT are over and there is nothing comparable among us in Malérargues or anywhere else. We have to find new forms to follow the logic of the voice. 

With this background, I am interested in how the question of whether what we do is art or therapy - a question that is mostly asked by people who do not yet know our work very well - sounds to those who have chosen a life practice of the voice. And I continue to believe that this question is the wrong one. 


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