Nachtrag zu Ingeborg Bachmann

28.06.2026


Vor ein paar Tagen hatte ich mit einer Bekannten, die als Kulturjournalistin mit einem Schwerpunkt in der Literatur unterwegs ist, einen kleinen (freundlichen) Disput über die Rede von Helga Schubert zum Bachmann-Jubiläum in Klagenfurt. 

Die RedeArrow Right

Mir hat an der Rede besonders gefallen, dass Schubert den Primat der Literatur über die Biographie vertritt. Es ist ja beim Feiern von Bachmann nochmal deutlich geworden, dass ihr Werk Gefahr läuft, mehr oder weniger vollständig hinter der Lebenserzählung zu verschwinden. Da fand ich den Aufruf von Helga Schubert, von Bachmann und nicht über Bachmann zu lesen, sehr angemessen und erfrischend. 

Meine Bekannte dagegen war regelrecht erbost, dass Schubert in ihrer Rede nicht einen einzigen einordnenden neuen Gedanken zu Bachmanns Werk formuliert hat. Keine Interpretation, kein Hinweis auf eine Relevanz ihres Werks für die Gegenwart – wenn man von der zeitlosen literarischen Qualität ihrer Schriften absieht. 


Ich gebe zu, an der Kritik ist was dran und mich bringt sie dazu, selbst zu fragen, ob mir ein solcher Gedanke einfällt. (Dabei habe ich mal wieder meine Beschäftigung mit vocal ecotism – Stimmkunst in der versehrten Welt im Hinterkopf und meine Überlegungen stehen im Kontext dieser Suche.)

Meine intensivere Bachmann-Lektüre liegt schon einige Zeit zurück. Vielleicht deshalb kommt mir spontan ein Gedanke, der dann doch wieder an die Rede von H. Schubert anschließt. Sie erzählt darin von zwei Interviews, in denen Bachmann sich auf ihre kluge Art weigert, ihr Werk biographisch oder auch politisch zu deuten. Sie besteht auf die Eigenheit der künstlerischen Rede! „Ausdrücken ist etwas anderes als das Bekunden von Meinungen!“ Ihre Aufgabe als Schriftstellerin sieht sie darin, das was sie zu sagen hat, mit literarischen Mitteln auszudrücken und nicht in eine andere Sprache zu verfallen. 


Das ist mir sehr sympathisch und ich glaube, hier ist für Künstler*innen aller Sparten ein Gedanke ausgesprochen, der wert ist, erinnert zu werden. Es ist nicht nur legitim, sondern notwendig, sich mit der Weltlage zu beschäftigen, aber die künstlerische Positionierung wird nicht stärker, wenn sie sich nicht-künstlerischer Sprachen bedient. Im Gegenteil. 

Diese künstlerische Selbstbeschränkung ist nicht einfach. Sie dient aber der Kunst und sofern man vermuten will, dass die Welt am ehesten durch den Geist der Kunst „gerettet“ werden kann – ein Gedanke, der Bachmann sicher fern lag – dann wird diese Beschränkung zu einer Art künstlerischer Pflicht.  

(Klingt wie ein politisches Statement, ist aber nur eine als Aussage getarnte Frage...)




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